Energieethik

Unterwegs in ein neues Energiezeitalter. Nachhaltige Perspektiven nach dem Ende des Erdöls

Die Energieengpässe durch den Ukraine-Krieg und die problematischen energiepolitischen Abhängigkeiten haben der Forderung nach dem Post-Carbon-Zeitalter unabhängig von Umweltkrisen und Klimawandel neuen Auftrieb gegeben. Auch wenn der Begriff der Nach-Kohlenstoff-Ära im Jahr 2008 noch nicht geläufig war, beleuchtet die wegweisende Studie Unterwegs in ein neues Energiezeitalter das brennend aktuelle Thema aus ökologischer, theologisch-ethischer und spiritueller Perspektive.

Andere Ausgangslage, dieselbe Herausforderung

Zwar war die Ausgangslage eine andere, den Ausgangspunkt bildete die Begrenztheit der fossilen Energieträger, der Atomausstieg war noch nicht beschlossen resp. vollzogen und der Einsatz erneuerbarer Energien befand sich auf einem anderen technologischen Niveau. Aber die fossilen Energien hatten längst ihre Unschuld verloren und schon damals waren die alarmierenden Folgen einerseits von Erderwärmung und Klimawandel, allen voran Dürren und Überschwemmungen, und andererseits der geopolitischen Konflikte um die begrenzten Energieträger unübersehbar. Das umfassende Problem- und Konfliktpanorama, das die Studie präsentiert und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert, hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst und bildet nach wie vor ein kritisches Regulativ zu einem reaktiven, inkonsequenten und häufig kontraproduktiven Problemlösungsadhocismus.

Energiepolitische Hegemonie

Die Ausgangsthese (Seite 8) lautet: «Langfristig verursacht der Klimawandel global derart hohe Kosten und eröffnet derart alarmierende Perspektiven für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts, dass konsequente Massnahmen zur Begrenzung des menschengemachten Treibhauseffekts unumgänglich sind.» Die Verfügbarkeit aller Fossilenergien wird einerseits aus politischen und ökonomischen und andererseits aus physischen und geologischen Gründen zunehmend prekär. Der wachsende Energiebedarf provoziert gewaltsame Konflikte der grossen Importländer um die energiepolitische Hegemonie, fördert Korruption, Bürgerkriege, Terrorismus in den Förderländern und nötigt die Industrienationen zur Unterstützung von Diktaturen. Der Streit um die energiepolitische Wende wird auf nationaler Ebene mit teilweise zweifelhaften Energie- und Umweltbilanzen geführt. Nach wie vor wird der liberalitätspolitisch gerechtfertigten Strategie, fossile durch erneuerbare Energien zu ersetzen, Vorrang eingeräumt gegenüber einer konsequenten Politik der Energieeffizienz und -einsparung. Ungenügende Berücksichtigung findet die sogenannte graue Energie, die in den Produkten versteckt ist, die im Ausland hergestellt werden. Sie bildet einen wichtigen Indikator für die globale Ungleichverteilung des Energiekonsums und wirft ein kritisches Licht auf die Tertiarisierung der europäischen Wirtschaft.

11 Maximen

Die theologisch-ethische Reflexion greift einerseits auf die in der EKS geführte Grundwertediskussion zurück und entfaltet anderseits einen ungewöhnlichen aber instruktiven spiritualitätstheologischen Zugang. Aus den Grundwerten Freiheit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Beteiligung und Frieden werden 11 praxisorientierte Maximen abgeleitet: (1.) Anreiz vor Zwang, (2.) Fehlerbegrenzung und Reversibilität (Fehlerfreundlichkeit), (3.) Bewahrung der Optionen kommender Generationen (offene Zukunft), (4.) Anpassung des ökologischen Fussabdrucks an die Biokapazität, (5.) Respektierung der grundlegenden Sozialrechte, (6.) supranationale Ausweitung von Solidaritätsräumen, (7.) Zuschreibung eines gleichen Anteils von Ressourcen und Verantwortung an jede Person, (8.) Subsidiarität im Sinne einer angemessenen Verknüpfung von Loyalität und Autonomie, (9.) Entwicklung von partizipativen Strukturen auch in der Energiewirtschaft, (10.) Sicherheit und Rentabilität der Energieversorgung sowie (11.) eine auf Frieden und nicht bloss Sicherheit abzielende geopolitische Strategie.

Ein neues Selbstverständnis

Der Übergang zur Post-Carbon-Gesellschaft geht über einen technischen Systemwechsel weit hinaus und bedeutet einen umfassenden Wandel der eigenen, gesellschaftlichen, globalen und ökologischen Selbstverständnisse. Angesichts dieser Herausforderungen verweist die Studie auf die humanistische Gestaltungskraft religiöser Ressourcen bei der Vermittlung zwischen Materiellem und Spirituellem, Partikularem und Universalem, Individuum und Gemeinschaft, Glaube und Vernunft, Überzeugung und Kritik, Erinnerung und Hoffnung. Die Legitimität der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse hängt wesentlich ab von der Einsicht der Gesellschaftsmitglieder in die Notwendigkeit der Veränderung des persönlichen Verhaltens. Nur was die einzelne Person für sich selbst als wertvoll erachtet, kann sich gesellschaftlich durchsetzen. In dieser Verbindung von persönlicher Einsicht und politischer Notwendigkeit eröffnet sich eine Perspektive, die in der Studie als existenzielle «kollektive Prüfung» beschrieben wird (Seite 10). «Damit ist gemeint, dass die verschiedenen Stadien der Trauer zu durchlaufen sind, um eine erneuerte Zuversicht zu erlangen. Eine spirituelle Interpretation der kollektiven Reaktionen zeigt, dass in der aktuellen Energiedebatte sämtliche Trauerstadien präsent sind: Verleugnung, Zorn (Auflehnung), Feilschen und Verhandeln, Niedergeschlagenheit und Resignation sowie schliesslich Annahme.» Ein verändertes Verhältnis zur aussermenschlichen Natur ist untrennbar verbunden mit dem «Bewusstsein für die Endlichkeit» und einer Dekonstruktion technokratischer «Allmachts- und Unsterblichkeitsillusionen».

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Frank Mathwig

Prof. Dr. theol.
Beauftragter für Theologie und Ethik

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