Entwicklungen der Kasualpraxis

aus praktisch-theologischer Sicht

Drei Blitzlichter

Vorab drei Blitzlichter auf die aktuelle Landschaft der Kasualien.

Feier & Flamme

Sina von Aesch, Susanne Kühni, Sarah Wüthrich und Carmen Stalder gründeten vor fünf Jahren nach guten Erfahrungen mit Hochzeitsfeiern, für die sie als Theologiestudierende angefragt wurden, das Start-up Unternehmen Feier&Flamme, das als Verein organisiert ist und in dessen Rahmen sie vor allem Hochzeiten, aber auch Traufen, Taufen und Trauerfeiern anbieten. Auf Honorarbasis.

Als Master-Studentinnen mit Praktischem Semester haben sie die Bewilligung der Berner Kirche erhalten, Kasualgottesdienste zu feiern und diese – mit Zustimmung der jeweiligen Kirchgemeinde – im Rodel eintragen zu lassen. Inzwischen studieren alle vier nicht mehr. Eine arbeitet als Pfarrerin und ist aus dem Startup ausgestiegen. Die drei Verbleibenden sind mit Leidenschaft und erfolgreich unterwegs insofern, als sie just so viele Anfragen erhalten und Feiern gestalten, wie ihnen neben ihren anderen Verpflichtungen möglich sind. Sie pflegen gute, offene und einvernehmliche Kontakte zu Pfarrämtern, Kirchgemeinden und zur Berner Landeskirche. Sie hören auch mal scharfe Kritik. Es ist von Rosinenpickerei die Rede. Und davon, dass ein Segen gegen Bezahlung theologisch fragwürdig sei. Aber von denen, die sie kennen, wird Feier&Flamme nicht als Konkurrenz, sondern als Möglichkeit gesehen, Menschen, die ein distanziertes Verhältnis zum christlichen Glauben pflegen, mit religiöser Praxis und Deutung, mit Theologie und Kirche in Kontakt zu bringen. Den Dreien macht ihre Arbeit Freude. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache.

Berner Ritualagentur

Ein zweites Schlaglicht: In der Stadt Bern haben vor drei Jahren eine Handvoll Pfarrpersonen um Christian Walti und Sonja Gerber eine Ritualagentur gegründet und dafür eine ansprechende Webseite eingerichtet, die deutlich frischer und attraktiver daherkommt als die meisten Webseiten von Kirchgemeinden. In vier Quadranten werden Feierformen und Anlässe genannt, wobei ein Feld über die klassischen Kasualien hinausgeht. Es ist mit «Rituale» bezeichnet und der Anlass mit «Lebensabschnitt». Dazu kann man lesen: «Das Leben ist voller Übergänge, Abschiede und Neuanfänge! Sie wünschen sich einen Segen für ein neues Mitglied in Ihrem Arbeitsteam, beim Einzug in Ihre neue Wohnung oder eine Versöhnungsfeier nach einem langjährigen Streit in der Familie?» – Mit diesen Fragen wird das Angebot umrissen.

Es sind Pfarrpersonen, die diese Feiern anbieten, und sie tun es im Rahmen ihrer Anstellung und mit Zustimmung ihrer Gemeinden. Wer sie sind, wie sie aussehen, was sie an Kompetenzen mitbringen und was ihnen wichtig ist, kann mit zwei Klicks in Erfahrung gebracht werden.

Wer in der Ritualagentur mitarbeitet, tut es nicht aus Pflicht, sondern mit Lust und Engagement. Adressiert werden Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder. Für Mitglieder fallen keine Kosten an, Nichtmitglieder werden um eine Spende für die jeweilige Kirchgemeinde oder eine kirchliche Organisation gebeten.

Mit allen Wassern gewaschen? – Pop-Up-Taufe!

Von Bern nach Berlin. Mit dem Slogan: «Mit allen Wassern gewaschen? – Pop-Up-Taufe!» bewirbt die City-Kirche St. Marien-Friedrichswerder die Möglichkeit, sich ohne langes Federlesen taufen zu lassen. Das geht so: «An jedem letzten Mittwoch des Monats feiern wir das Abendmahl am Mittag um 12 Uhr in der St. Marienkirche als offene Form mit Taufmöglichkeit, Tauferinnerung oder Salbung. Wenn Sie sich taufen lassen möchten, kommen Sie bitte um 11.15 Uhr in die St. Marienkirche. Eine Pfarrperson wird mit Ihnen vorab ein kurzes Kennenlerngespräch führen. Sie können sich natürlich auch gerne vorab bei uns melden.» Begründet wird das Angebot biblisch, nämlich mit der Pop-Up-Taufe Johannes des Täufers.

Soweit drei Schlaglichter auf aktuelle und erfolgreiche Formen, Lebensübergänge im Licht des Evangeliums zu gestalten und zu deuten, innerhalb der Landeskirchen und am Rand derselben. Ist da alles Gold, was glänzt? Welche Fragen stellen sich? Stellen diese neuen Formen nicht einen Frontalangriff dar auf die parochiale DNA unserer Landeskirchen? Verkommt die Kirche zu einem spirituellen Dienstleistungsbetrieb mit allerlei Allotria? Und: Wird dem Gemeindepfarramt mit diesen Formen nicht das Wasser abgegraben? Ich nehme die Fragen später wieder auf und widme mich zunächst der Ekklesiologie der Kasualien.

Ekklesiologie der Kasualien

Die Volkskirche sei eine «Kasualien- und Pastorenkirche»[1], betitelte die Bochumer Praktologin Isolde Karle vor 20 Jahren ihren vielzitierten Beitrag im Deutschen Pfarrblatt, womit sie die Ergebnisse der 4. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 4) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf den Punkt brachte. Pfarrpersonen und Kasualien sind gemäss KMU 4 die Visitenkarte und das Gesicht der öffentlich-rechtlich verfassten Kirchen – so Isolde Karle. Sie stellen die besonderen Charismen der etablierten Landeskirchen dar. In einer weitgehend säkularisierten und funktional ausdifferenzierten Gesellschaft werden die öffentlich-rechtlich verfassten Kirchen vor allem über erreichbare und professionell agierende Pfarrpersonen zum einen und sorgfältig gestaltete Schwellenrituale zum anderen wahrgenommen und dafür geschätzt – so Karle. Dass die Kirche Jesu Christi mehr ist als unsere Landeskirchen und dass sie auch anders verfasst sein kann, ist für sie keine Frage. Aber hier und heute, so ist Karle überzeugt, stellen Pfarrpersonen und Kasualien nach wie vor das Tafelsilber unserer Landeskirchen dar, das wir nicht verscherbeln, auf das wir Acht geben sollten.

Um ihre Folgerungen zu belegen, verweist sie auf die seit 1972 bis 2002 um 10% auf 92% gestiegene Taufbereitschaft der Mitglieder und die Auskunft der Befragten, Taufe nicht bloss als Familienfeier zu verstehen, sondern als «kirchlichen Initiationsritus» (1). Das Item «Das Kind wird mit der Taufe in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen» wurde von 92% der Befragten und insgesamt am meisten angekreuzt.
Das ist zwanzig Jahre her. Wo stehen wir heute? Wie haben sich das Image der Kirche und die Erwartung an Pfarrpersonen und Kasualien in der Zwischenzeit verändert? Zur Beantwortung dieser Frage stelle ich Ihnen die ersten Ergebnisse der KMU 6 der EKD in aller Kürze und mit Fokus auf den Gottesdienst vor.

«Lange nicht mehr gesehen? So steht es um die Gottesdienste in Deutschland» – KMU 6

Der Reiz der KMUs liegt vor allem darin, dass alle 10 Jahre in Deutschland die kirchlich-religiöse Temperatur der Kirchenmitglieder gemessen wird, und zwar mit einem Set an Fragen, das über all die Jahre konstant blieb, womit sich die Entwicklung der kirchlichen Lage sehr schön rekonstruieren und reflektieren lässt. In den 1960er und 70er Jahren hat die damals bedeutsame Kirchensoziologie herausgestellt, dass der wöchentliche Kirchgang rapide an Bedeutung verlor, während das jahres- und vor allem das lebenszyklische Teilnahmeverhalten – das heisst: der Besuch von Weihnachtsgottesdiensten und Trauerfeiern – seine Bedeutung behält oder sogar noch steigert. Daher standen Kasualien von Anfang an im Fokus der grossangelegten Studien.[2]

Die Ergebnisse sind in Bezug auf den Gottesdienst zwar nicht erstaunlich, aber doch ernüchternd. «Kirche ist nur einmal im Jahr» – sei das Motto der allermeisten der Befragten. Die Berührungspunkte mit der Kirche sind für die meisten sehr selten geworden. Sie beschränken sich auf Gottesdienste bei besonderen Gelegenheiten. 12 % der Protestant:innen erachten den Gottesdienstbesuch als wichtig, 15 % der Katholik:innen und 18 % der Konfessionslosen. Über die letzte Zahl könnte man ins Grübeln kommen. Aber das wäre ein anderes Thema. 2002 waren es noch 33 % der westdeutschen Protestant:innen, die den Gottesdienst als wichtig erachteten. Der Einbruch um 21 % in 20 Jahren ist dramatisch.

Ganz anders sehen die Zahlen aus, wenn die Gruppe jener befragt wird, die mindestens einmal im Jahr einen Gottesdienst besuchen: 89 % besuchten einen Kasualgottesdienst. 80 % einen Gottesdienst zu Heiligabend oder Weihnachten. Es folgen Ostern und der Familiengottesdienst. Auch wenn wir uns in Sachen Gottesdienstbesuch auf einem dramatisch tiefen Niveau befinden, stellen Kasualgottesdienste noch immer die wichtigsten Haftpunkte für die Kirchenmitglieder dar. Ob dies auch für Nichtmitglieder gilt, kann aufgrund der vorliegenden Zahlen nicht gesagt werden, es ist aber zu vermuten.

Das Ergebnis ist also ambi- oder polivalent: Insgesamt verlieren die Kirchen und verliert der Gottesdienst in den letzten zwanzig Jahren deutlich an Boden. Dies betrifft zunehmend auch die klassischen Kasualien, die lange Zeit als stabile Pfeiler der Volkskirche betrachtet wurden – nicht theologisch, aber aus Perspektive der Institution. Auch sie verlieren an Boden. Im Vergleich zu anderen Gottesdiensten haben Taufen, Konfirmationen etc. noch immer die grösste rituelle bzw. gottesdienstliche Strahlkraft.

Selbstverständlich kann und soll kritisch nachgefragt werden, ob es sich hier tatsächlich um Gottesdienste oder nicht eher um fotogene Events handelt, um eine schleichende oder bereits überhandnehmende «Eventisierung» des Gottesdienstes mit der jungen Pfarrerin als Zeremonienmeisterin[3]. Die Frage ist zu stellen. Allein, der unterlegte Dual ist schief und darum falsch. Erlebnis und Gottesdienst sind ­– Gott sei Dank! – keine Gegensätze.

Die Qualität der Kasualien in der Gegenwart

Die Frage nach der aktuellen Bedeutung der Kasualien darf sich nicht mit Zahlen zufriedengeben, sondern muss auch deren Qualität in Augenschein nehmen. Die Trends sind überdeutlich und Ihnen allen bekannt. Ich nenne sie in wenigen Strichen:

  1. Kenntnis, Bedeutung und Verbindlichkeit kirchlicher Amtshandlungen schwinden dahin wie der Steingletscher im Berner Oberland. Zurück bleibt ein Tohuwabohu aus Ratlosigkeit, Hochzeitsszenen aus US-amerikanischen Spielfilmen und spontanen Einfällen.
  2. Zu beobachten ist zugleich, dass Paare froh sind um die liturgische Kompetenz der Pfarrerin und mit der üblichen Liturgie gerne einverstanden.
  3. Der Hochzeitsgottesdienst ist zunehmend Teil eines grossen Festes, eines Gesamtkunstwerks, und hat sich in dieses einzufügen – und nicht umgekehrt, auch wenn dies für viele Pfarrpersonen ein Ärgernis darstellt.
  4. Das Taufalter variiert zunehmend und die Taufe wird – wie andere Kasualien auch – als Element einer Familienfeier verstanden. Dagegen verliert der Gemeindegottesdienst als liturgischer Passepartout für Taufen an Plausibilität. Die Taufe von Konfirmandinnen in der Osternacht im Hotpot vor der Kirche überstrahlt jenen bei weitem.
  5. Besonders bei Hochzeiten und Bestattungen nimmt die Vielfalt der Feierformen rapide zu. Hochzeitspaare und Trauerfamilien – oder auch mal die Verstorbenen selbst – bringen nicht nur ihre Wünsche ein, sondern bereiten die Feier in der Kirche gleich selbst vor. Pfarrpersonen müssen sich zuweilen wehren, dass ihnen nicht das Heft aus der Hand genommen wird und sie ihres Amtes walten können.
  6. Kurzum: die Megatrends der Pluralisierung, Individualisierung, Säkularisierung und Ästhetisierung machen auch vor den Kasualien nicht halt und zerzausen liebgewordene Ordnungen, Gewohnheiten und Begründungsmuster. Sie spielen, so meine These, den Kasualien aber auch in die Karten. Aber dazu später mehr.

Was machen die Kasualagenturen anders?

Vor dem Hintergrund dieser groben Analyse kirchlicher Kasualien werfe ich nun einen Blick auf die eingangs gestreiften Ritualagenturen, Segensbüros und Pop-Up-Kasualien und frage danach, was diese denn insgesamt auszeichne.

Ich tue dies vor dem Hintergrund einer Kartographie derselben, die derzeit im Rahmen der Liturgischen Konferenz der EKD in Deutschland und der Schweiz erstellt wird und an der ich beteiligt bin.

Sie heissen «Trauerkulturkirche Kassel», «Pop-Up Hochzeit Köln», «MainSegen», «Segensreich» oder «Segensbüro» (Berlin), «Agentur Leben feiern» (Aargau), «St. Moment» (Hamburg) usw.

Und sie tragen folgende Merkmale:

  1. Die einzigartige Situation jener Menschen, die eine rituelle Begleitung wünschen, steht im Zentrum. Es geht um eine bestimmte Lebensschwelle, um deren Deutung und Gestaltung im Licht des Evangeliums (Ernst Lange) – und nicht um deren Einfügung in eine vorgegebene Ordnung. Flexibilität und Vielfalt werden offensiv kommuniziert und angeboten – statt sie nur zähneknirschend in Kauf zu nehmen.
  2. Die Ästhetisierung und Eventisierung von Lebensübergängen wird nicht kategorisch abgewehrt oder diffamiert, sondern begrüsst und gestaltet. Dabei werden nicht alle Wünsche erfüllt, aber alle gehört und alle ernst genommen. Die Pfarrerin agiert als versierte Moderatorin verschiedener Wünsche und Vorstellungen und ist sich nicht zu schade, als Zeremonienmeisterin in Anspruch genommen zu werden.
  3. Die in Kasualagenturen engagierten Pfarrpersonen zeigen ihr Gesicht. Sie stellen sich ins Schaufenster des World Wide Web, präsentieren sich mit sympathischem Portrait in guter Qualität, mit Kurzbiographie, ihrer Vision von gelingendem Leben und befreitem Glauben, ihren Hobbies und musikalischen Vorlieben – und bieten so ihre «Dienstleistungen» allen an, die danach suchen.
  4. Die Web-Auftritte der Kasualagenturen sind professionell, ansprechend und bedienungsfreundlich, sowohl graphisch als auch textlich-inhaltlich. Es macht Spass, darauf zu stöbern, die Angebote, Portraits und Statements durchzusehen. Vor allem sind sie ganz und gar un-churchy. Stereotype Vorstellungen und Klischees über Kirche und Glauben werden konsequent vermieden.

Fazit

Wenn wir die Kasualagenturen als Sondierstangen verstehen und verwenden, um die aktuelle Situation kirchlicher Kasualien zu ergründen: die Konturen, die Chancen, aber auch die Risiken, dann kann und soll nun danach gefragt werden, was daraus nicht nur für die parochiale Kasualpraxis, sondern für unser Kirchesein in einer krisendurchfurchten Gegenwart zu lernen wäre. Ich stelle die Frage im Konjunktiv, weil meine Antworten weder geschliffen sind noch wasserdicht, sondern eben: Impulse sein sollen, teils vorsichtig-tastende, teils wagemutige Schlüsse, Positionierungen und Anfragen.

Die oben genannten Merkmale der Kasualagenturen weisen bereits in eine bestimmte Richtung. Ich setze mit dem Fazit nochmals etwas breiter und grundsätzlicher ein:

  1. Zuerst eine kritische Anfrage: Sind Kasualagenturen mehr als Rückzugsgefechte ehemaliger Volkskirchen, die ihren Bedeutungsverlust schlecht aushalten und mit rituellem Aktivismus Gegensteuer zu geben versuchen? Und verscherbeln sie mit ihrem Aktivismus nicht das parochiale Tafelsilber? Oder sind Kasualagenturen – im Gegenteil! – eine zeitgemässe Pflege des Tafelsilbers und vor allem: der Kommunikation des Evangeliums?
  2. «Dienstleistung» ist ein ekklesiologisch ambivalenter Begriff. Wir deuten Kirche theologisch als Gemeinschaft der Glaubenden, als versammelte Gemeinde und geistlichen Leib – und jedenfalls nicht als professionelles Dienstleistungsunternehmen. Die Kasualagenturen mahnen hier ein Umdenken an. Die Akteur:innen verstehen die im World Wide Web annoncierten Kasualien als «Dienstleistungen», die sie mit Überzeugung und auch so erbringen wollen, dass sie damit die hoch-individuellen Bedürfnisse von Menschen, die einen Anfang, einen Übergang oder ein Ende begehen möchten, befriedigen, stillen, vielleicht auch transformieren.
  3. Noch umstrittener als die Service-Mentalität ist die Personalisierung der Kasualagenturen. Sie punkten mit ihrem Personal, mit Menschen, die sich zeigen, die Gesicht zeigen und öffentlich davon reden, was ihnen Trost gibt im Leben und im Sterben. Woran sie glauben und was ihnen guttut. – Im Gegensatz etwa zur Webseite der Kirchgemeinde Burgdorf, die flott daherkommt, auf der die Pfarrpersonen aber in einer Liste von 49 Mitarbeitenden und Behördenmitgliedern mühevoll gesucht werden müssen. – Hier wird das allgemeine Priestertum sehr ernst genommen! Zu ernst vielleicht?
  4. Kasualagenturen konkurrenzieren die Parochie nicht. Ich bin überzeugt, die parochiale Struktur der Kirche hat noch immer grosses Potential und Zukunft. Aber die Kirche war schon immer eine mixed economy von parochialen, regionalen und personalen Organisations- und Gesellungsformen. Eine professionelle regionale Kommunikation und Organisation der Kasualen scheint mir hoch plausibel. Das strikte Festhalten an parochialen Grenzen ist in Bezug auf Kasualen jedoch aus der Zeit gefallen.
  5. Die Taufe symbolisiere die Aufnahme in die Gemeinschaft der Glaubenden.[4] Darum solle sie im sonntäglichen Gottesdienst erfolgen, als Einschub in denselben. – Hier ignorieren Tauffeste und Pop-Up-Taufen nonchalant einen theologischen Grundsatz, der allerdings – bei Lichte besehen und auf die Christentumsgeschichte bezogen – alles andere als selbstverständlich ist, sondern eher ein randständiges Motiv darstellt[5], das sich im 19. Jahrhundert etablierte und nach dem Zweiten Weltkrieg eine theologische Aufladung erfuhr. Aber eben, es geht mit guten theologischen Gründen auch anders. Die Taufe im Kreis der Familie, der Freund:innen und Verwandten oder im Rahmen eines Tauffestes zu feiern, ist auch theologisch würdig und recht.
  6. Die Kasualagenturen zeigen, wie Kirche auch kommunizieren kann: in einer modernen, witzigen, persönlichen und jedenfalls ansprechenden Ästhetik, die Freude macht, neugierig macht. Kitsch und Klischees werden konsequent vermieden, Emotionen nicht gescheut, sondern evoziert und sorgfältig kultiviert. Dazu wäre noch viel zu sagen.
  7. Mein letzter Punkt betrifft die Akteur:innen. Es sind in aller Regel Pfarrpersonen, die sich als solche zu erkennen geben – aber sich von klischeehaften Rollenbildern distanzieren. Die Segnenden des Berliner Segensbüros z.B. stellen sich – ganz und gar unpastoral! – mit Vornamen, Portrait und einer Segensgeschichte vor. Ihren vollständigen Namen und ihre Funktion erfährt nur, wer mehrere Seiten durchklickt und die Geschichten zu Ende liest. Die Pfarrer:innenrolle wird auffällig tief gehängt.

Das Fazit macht deutlich: Die viele Jahrzehnte und Jahrhunderte stabilen «Amtshandlungen» verändern sich derzeit rasant. Kasualagenturen, Pop-Up-Taufen oder Theolog:innen auf dem freien Markt sind gewiss Symptome dieser Veränderungen, die mit Fug und Recht als Krise einer durch Kasualien gestützten Volkskirche bezeichnet werden können. Sie weisen jedoch sowohl auf Mängel und aus der Zeit Gefallenes bisheriger Kasualpraxis als auch auf deren Potentiale hin, die die Kreativität zu beflügeln scheinen.


[1] Isolde Karle, erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 12 / 2004.

[2] Während ein Stamm von Fragen konstant bleibt, kamen immer wieder neue Themen, Perspektiven und Methoden hinzu. In der neuesten KMU wurden nicht nur evangelische Mitglieder befragt, sondern auch Katholik:innen und Nichtmitglieder.

[3] Dass der Pfarrer bei einer Bestattungsfeier in erster Linie Zeremonienmeister ist, hat Walter Neidhart bereits 1968 in aller Deutlichkeit herausgestellt (vgl. ders., Die Rolle des Pfarrers beim Begräbnis, in: Rudolf Bohren und Max Geiger (Hg.): Wort und Gemeinde. Probleme und Aufgaben der Praktischen Theologie, Zürich 1968,226-235.

[4] Vgl. Liturgie Taschenausgabe, hg. von der Liturgie- und Gesangbuchkonferenz der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, Zürich 2011, 28: «Mit ihr [der Taufe] nehmen wir N.N. in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen auf».

[5] Christian Albrecht, Kasualtheorie. Geschichte, Bedeutung und Gestaltung kirchlicher Amtshandlungen, Tübingen 2006, 57–61.

Facebook
WhatsApp
Twitter
Email
David Plüss

David Plüss

Alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.Lorem ipsum dolor sit amet consectetur adipiscing elit dolor