Miteinander für Europa ?

Das Phänomen, das in der Ideengeschichtsforschung, in der Politikwissenschaft und in den Kirchen zu beobachten ist, ist nicht neu, sorgt aber für heftige Debatten und Emotionen: die Spannung zwischen Konservatismus und Liberalismus, zwischen Nationalismus und Pluralismus. Es geht dabei nicht nur um die Frage, wer im öffentlichen Leben die politische Mitte beherrscht. Die konkurrierenden Narrativen und die Konflikte zwischen ihnen wirken sich auch auf Wertevorstellungen, Identitätsbildung und demokratische Kultur aus.

Auch die evangelischen Kirchen kommen nicht umhin, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das Nachdenken ist notwendig, weil es in vielen Gesellschaften in Europa eine emotionale und oft leidenschaftliche Identifikation des Christentums mit einer Ideologie zu geben scheint und den Kirchen oft eine Art natürliche Verwandtschaft zwischen Christentum und Konservatismus bzw. zwischen Protestantismus und Liberalismus unterstellt wird. Welche Affinität ist die plausiblere? Darüber hinaus besteht auch die Notwendigkeit einer Untersuchung, und zwar einer wissenschaftlichen, da sich beide Bewegungen auf ihre christlichen Wurzeln berufen: zum Beispiel auf die Rolle der Reformation bei der Entstehung und Entwicklung der nationalen Kultur und Identität, oder bei der Entwicklung von Nationalstaaten − Aber auch das zweite Argument kann zutreffend sein: Die Erfahrung der reformierten Theologie, der Gewissensbefreiung und die Gestaltung der kirchlichen Organisation, lieferte einen unbestreitbaren Antrieb für die Entwicklung und Konsolidierung der liberalen Demokratien.

Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie lässt sich die Frage nicht vermeiden: Wie wirken sich diese Veränderungen der Werte und Wertevorstellungen auf die Identität, den Dienst und die Gemeinschaft der Kirchen aus, die das reformatorische Erbe zu pflegen haben? Was sind diesbezüglich die Faktoren, die es schwierig machen, die bereits erreichte Kirchengemeinschaft zu erleben bzw. mit Leben zu füllen? Und worin könnte der theologische Beitrag der evangelischen Kirchen zu einer Kultur des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestehen, die nicht spaltet oder trennt, sondern einen Rahmen der Solidarität für Gemeinschaft schafft?  

Ziel des Vortrags ist es, eine Diagnose der Situation der europäischen und insbesondere der mittel- und osteuropäischen Gesellschaften zu erstellen, die Faktoren zu benennen, die die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses bedrohen (wie Nationalismus, Populismus, autoritäre Tendenzen, Demokratiemüdigkeit usw.), und ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Bestandsaufnahme der Kriterien vorzunehmen, mit denen die protestantische Theologie zur Gestaltung einer gerechteren und fairen Gesellschaft beitragen kann.


Sàndor Fazakas ist Professor für Sozialethik an der Reformierten Theologischen Universität von Debrecen.

Er wird im Rahmen der Tagung Suchet der Stadt Bestes (3-5 November 2023, Bern) sprechen. Der Titel seines Vortrags lautet "Wie prägt der zunehmende Nationalismus bzw. Konservativismus die Wertehaltung der GEKE-Mitgliedskirchen?". Ein Vorschlag im Rahmen des Jubiläums der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie (1973).

Ein Text der letzten Vollversammlung der GEKE ist es besonders Wert in diesem Zusammenhang zu lesen : Miteinander für Europa. 100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges : Gemeinsames Erinnern für die Zukunft, in 'Befreit – Verbunden – Engagiert' Evangelische Kirchen in Europa, 2019, ss. 65-72.

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Sándor Fazakas

Sándor Fazakas

Prof. Dr. theol.

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