«Wer braucht schon den Sonntag…?»

10 Fragen - 10 Antworten der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz

Frage 1: Was ist eigentlich Sonntag?

Die Zeiten haben sich geändert. Früher hatten die Menschen eigentlich nie wirklich Sonntag, weil eine agrarische Gesellschaft keine Arbeitsunterbrechung duldete. Heute ist der Sonntag allenfalls eine Option in der Freizeitgesellschaft.

Die Sonntagsruhe war eine Erfi von Konstantin I aus dem Jahr 321, der aus politischen Motiven den sonntäglichen Ruhetag (dies solis, «Tag der Sonne») gesetzlich festlegte. Eine theologische Begründung wurde erst später nachgereicht. Die frühen Christen und Reformatoren hielten es mit Jesu Feststellung in Mk 2, 28:

«Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat». Erst im 18. Jahrhundert setzte sich die Sonntagsruhe wirklich durch: als Reaktion auf die Folgen der fortschreitenden Industrialisierung.

Frage 2: Was bedeutet Sonntag heute?

Woche für Woche erinnert der Sonntag an die Auferstehung Jesu Christi. Er ist der erste Tag der Woche, der Tag, an dem die ersten Zeuginnen und Zeugen zum Grab Jesu kamen und die Erfahrung machten: Er lebt, er ist auferstanden. So ist jeder Sonntag ein kleines Ostern, ein Fest des Lebens gegen alle Kräfte der Gewalt und des Todes.

Aber der Sonntag ist noch mehr. Als christlicher Feiertag hat er auch die Bedeutung gewonnen, die im Judentum der siebte Tag der Woche hat, der Sabbat (Samstag). Er ist ein Tag der Ruhe, an dem das Arbeiten und Wirtschaften aussetzt. Am Sonntag wird zeichenhaft klar: Menschen sind wir nicht nur durch unsere Leistung.

Frage 3: Warum ist der Sonntag wichtig?

Es ist wichtig, dass wir unser Leben selbstbestimmt leben können. Aber Leben ist auch Zusammenleben. Familie, Freundschaft und Nachbarschaft, alles was gemeinsam geschieht, braucht regelmäs­ sige, vorgegebene, gemeinsame freie Zeit. Überall dort fehlt, wer am Sonntag arbeiten muss – oft sind es Frauen. Gerade Familien, ganz gleich wie sie zusammengesetzt sind, sind mit Koordinations­ aufgaben ohnehin schon stark gefordert. So wie der regelmässige Schlaf ist auch der regelmässige Sonntag ein Gewinn: das Leben ist dann menschlicher – und gesünder. Der gemeinsame freie Sonntag hat eine soziale Bedeutung für die ganze Gesellschaft. Sie ist den Kirchen wichtig.

Die Kirchen feiern den Sonntag unbeirrt. Im besten Fall gelingt es ihnen, etwas davon spürbar zu machen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, «sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (Matthäus 4, 4), also von einer Zuwendung und einem Sinn, die wir uns nicht selbst geben können.

Frage 4: Wie ist das mit dem Sonntag und dem Gottesdienst?

Der Gottesdienst gehört zum Sonntag dazu und er ist öffentlich. Am Sonntag versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst und feiert – in regelmässigen Abständen – gemeinsam das Abendmahl. Darin zeigt sich ein zentrales Motiv des Sonntags: Zusammensein, Gemeinschaft haben, Zeit teilen, gleichzeitig an einem Ort sein.

Der christliche Glaube lebt von der Gleichzeitigkeit in der Gemein­ schaft. Und was die Kirche braucht, benötigt gelingendes gesell­ schaftliches Zusammenleben erst recht: Gemeinschaft und Gleich­zeitigkeit.

Aber auch anderswo lässt sich das erleben: wenn wir Zeit für­ einander haben – Zeit für Wesentliches und Erfüllendes ausserhalb der Arbeit, und das im regelmässigen Rhythmus und ohne dafür kämpfen zu müssen. Ohne diesen Rhythmus droht der gesellschaft­liche Burnout. Der gemeinsame freie Sonntag hat eine spirituelle Bedeutung für alle. Zum Wohl der ganzen Gesellschaft setzen sich die Kirchen dafür ein.

Frage 5: Wer will schon den Sonntag?

Mal ehrlich: Was bringt der Sonntag den Menschen? Die Frage bereitet einiges Kopfzerbrechen: Tag für den Gottesdienst – aber wer geht schon hin? Tag für die Familie – aber wen freut das wirk­ lich? Tag zur Entspannung – aber wie denn, wenn viele Freizeit­ angebote wegen Sonntagsruhe geschlossen sind? Raus aus der Tretmühle – aber wohin dann mit der eigenen Einsamkeit, die sich im umtriebigen Alltag viel leichter ertragen lässt?

Der Sonntag entpuppt sich als eine ambivalente Einrichtung. Die Sonntagsfrage führt uns ungeschminkt vor Augen: Was nach Sonne klingt, wirft noch mehr Schatten, nicht auf den Tag selbst, sondern auf unsere eingeschliffenen Lebensweisen, die uns den Sonntag manchmal nur schwer erträglich machen.

Frage 6: Wer braucht schon den Sonntag?

Angesichts der Flexibilisierung der Arbeit, angesichts spottbilliger Kurztrips in die Metropolen Europas und einer boomenden Freizeitin­ dustrie wirkt der Sonntag seltsam antiquiert und ungeschmeidig. Das spricht gegen einen festgelegten allgemeinen Ruhetag – und genau deshalb ist er so unersetzlich.

Der Sonntag provoziert. Das verbreitetste Argument, sich Menschen vom Hals zu halten, lautet: «Leider keine Zeit.» Der Sonntag macht dieser Ausrede einen Strich durch die Rechnung. Wir können der Familie, der Verwandtschaft oder den Freunden nicht mit dieser Ent­ schuldigung kommen.

Unsere Agenden haben entweder keine Spalte für den Sonntag oder nur eine kleine, in der häufig gähnende Leere klafft. Der Sonntag konfrontiert uns mit der unbequemen Tatsache, dass die Flucht – ob in Arbeit, ins Fitnessstudio, in einen Fortbildungskurs, in die Beiz – nicht  so einfach gelingt. Zumindest gibt es keine plausiblen Gründe dafür.

Der Sonntag hält uns den sozialen Spiegel vor die Nase: Wo gehören wir hin? Wem fühlen wir uns eigentlich verbunden? Mit wem wollen wir das teilen, was uns am Wertvollsten ist: unsere Zeit? Der Sonntag löst die Fragen nicht, sondern verhindert, dass wir uns um sie herum­ drücken können. In diesem Sinne ist der Ruhetag eine Art Therapie gegen den Alltag und eine Entzugseinrichtung gegen den Rausch narkotisierter Betriebsamkeit. Der Sonntag fordert unsere einge­schliffenen Lebensweisen heraus. Er ist der Stolperstein für den durch unsere Agenden dominierten Alltag.

Frage 7: Wie sieht die gesetzliche Regelung der Sonntagsruhe aus?

Das Arbeitsgesetz verbietet grundsätzlich die Sonntagsarbeit. Es lässt Ausnahmen zu, die aber in der Regel zu begründen und zu bewilligen sind und die nicht beliebig ausgedehnt werden dürfen. Die Geltung des Gesetzes beschränkt sich auf Industrie, Gewerbe und Handel.

Im europäischen Vergleich ist dies eine gute Situation, die aber verteidigt werden muss. In Grossbritannien ist der Sonntag grund­sätzlich verkaufsoffen. Dort hat sich sein Charakter völlig verändert: er ist ein Tag wie jeder andere, kein Ruhetag mehr.

Frage 8: Nimmt die Sonntagsarbeit in der Schweiz zu?

Lockerungen des gesetzlichen Sonntagsarbeitsverbots waren das Ziel zahlreicher politischer Vorstösse in den vergangenen Jahren. Manche wurden angenommen und umgesetzt. Beispiele sind die vier Sonntage im Jahr, an denen die Kantone die bewilligungsfreie Öffnung der Verkaufsgeschäfte erlauben dürfen oder der 2005 gegen den Widerstand der Kirchen eingeführte Sonntagsverkauf an stark frequentierten Bahnhöfen und Flughäfen.

Mehrere Vorlagen wurden vom Souverän abgelehnt, insbesondere auf kantonaler Ebene.

Frage 9: Welche politischen Vorstösse zur Liberalisierung der Sonntagsarbeit gibt es zur Zeit?

Am 22. September 2013 wird über das Arbeitsgesetz abgestimmt. Die Änderung, gegen die das Referendum ergriffen wurde, betrifft die Erlaubnis von Nacht­ und Sonntagsarbeit zwischen 1 und 5 Uhr in Tankstellenshops an Hauptverkehrsstrassen mit starkem Reiseverkehr für den Verkauf des Warensortiments, das nicht dem schon jetzt  erlaubten Restaurantbetrieb zugeordnet ist.

Einen wesentlich weiteren Anwendungsbereich hätte die von den eidgenössischen Räten angenommene, aber juristisch umstrittene Motion Abate (Ausweitung der Sonntagsarbeit durch Ausdehnung des Begriffs des Tourismusgebiets).

Eine vom Bundesrat nicht unterstützte Motion der Grünliberalen sieht vor, dass Verkaufsstellen und Dienstleistungsbetriebe, die eine Fläche von 120 m2 nicht überschreiten, künftig Personal auch nachts und am Sonntag bewilligungsfrei beschäftigen dürfen.

Weitere Vorstösse sind hängig.

Sonntagsarbeit und Ausdehnung der Arbeitszeit am Abend unterliegen der gleichen Tendenz zur Liberalisierung; insofern gehört auch die vom Parlament angenommene Motion Lombardi (Ladenöffnungszeiten werktags bis 20 Uhr bzw. samstags bis 19 Uhr) in diesen Zusammenhang.

Frage 10: Wie verhält sich der Kirchenbund zu den Bestrebungen, das Arbeitsgesetz zu lockern?

Wie verhält sich der Kirchenbund zu den Bestrebungen, das Arbeitsgesetz zu lockern?

Der Kirchenbund wird nicht in jedem Einzelfall Stellung beziehen. Es bleiben Ermessensspielräume: Wie erheblich, wie gewichtig sind die Einschränkungen des Sonntags­ und Nachtarbeitsverbots? Wo hat das Parlament schon Grenzen gesetzt – die vielleicht genügen oder bei denen man zumindest streiten kann, ob sie ausreichen oder nicht?

Sämtliche kirchlichen Mitgliedorganisationen der Sonntagsallianz, auch der Kirchenbund, stehen auf der Grundlage des ökumenisch breit abgestützten, gemeinsamen Texts von 2005 «Sonntag schützen, Gemeinschaft stärken». Der Einsatz für den gemeinsamen freien Sonntag gehört zu den langfristigen und ökumenisch unumstrittenen Verpflichtungen des Kirchenbundes. Der Text von 2005 behandelt im Übrigen auch wirtschaftliche Gesichtspunkte. So ist immer zu fragen, ob die Deregulierung der Ladenöffnungszeiten wirklich zu einer Ausweitung oder nur zu einer Verlagerung des Umsatzes führt. Was bedeutet die Öffnung bestimmter Geschäfte am Sonntag für die Konkurrenz zwischen grossen und kleinen Anbietern im Detailhandel? Sicher lässt sich nicht behaupten, dass Sonntagsarbeit der Wirtschaft insgesamt nützt.

Dass lebenswichtige Dienste am Sonntag verfügbar sind, versteht sich von selbst. Bei Allem, was das Leben am Sonntag angenehmer, fröhlicher, spannender, bereichernder macht, wird man abwägen.

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