Ach hätten wir doch eine Klima-Religion

Nun sind sie beim Kirchenrat, die über 1600 Unterschriften für die Schöpfungsinitiative. Die Synode der Zürcher Landeskirche wird bald darüber beraten, ob der Initiativtext so umgesetzt werden kann, ob es zu einem Gegenvorschlag kommt oder zu einer Volksabstimmung.

Für einige Synodale wird es klar sein: nur eine grüne Kirche ist eine gute Kirche und je schneller desto besser. Andere werden auf die Kosten verweisen und betonen, dass schon viele Massnahmen angedacht seien und dass man nun nichts überstürzen dürfe. Und wieder andere werden davor warnen, das Zentrum der Reformierten Tradition – Jesus der Christus – mit der Schöpfung zu vertauschen, oder gar die Pacha Mama in die Mitte unseres Glaubens zu stellen. Gott bewahre.

Das Gespenst der Klimareligion geht um, und löst bei mir, ich gestehe es, ein wohliges Gruseln aus.

Wäre eine solche Erscheinung nicht eine dringende Erweiterung des theologischen Spektrums, geschweige denn der Spiritualität.

Wer neugierig und mutig genug ist, kann sich von zwei spannenden Büchern in diese Richtung locken lassen.

Geistliches und Materielles

Da ist zum einen der Text von Denis Edwards (Deep Incarnation Orbis Books 2019) in dem er die Konzepte des Theologen Niels Gregersen und der Theologin Elizabeth Johnson weiterdenkt.

So brütet Edwards zum Beispiel im ersten Kapitel mit Elizabeth Johnson über der Frage, warum im Johannes-Prolog nicht zu lesen ist, dass der Logos ‘Mensch’ wurde, sondern sich explizit im ‘Fleisch’ inkarnierte.

Ist damit angedeutet, so fragen sie sich, dass die bewusste Verbindung, welche Gott im neuen Testament mit den Menschen eingeht, doch tiefer reicht als nur bis zum animal rationale? Möchte Gott, wie in der Noah Geschichte angezeigt, alles Lebendige ins Trockene bringen – selbst Spinnen, Schlangen und Schakale?

Dieser Gedanken ermöglicht es der Tradition der Deep Incarnation, das Leiden der Schöpfung zu thematisieren und es in einem weiteren als nur dem, in sich verkrümmten, menschlichen Blick zu sehen.

Warum leiden die Tiere und warum seufzt die Schöpfung? Und gibt es einen Weg, der auch die Schöpfung zu sich bringt und von der Gottferne erlöst?

Dieser umfassende Fokus versucht die Fragen Soteriologie aus der anthropozentrischen Verengung zu befreien und bekommen so die ganze leidende und bedürftige Schöpfung in den Blick.

Was spannenderweise eine kreative Relecture der Geschichte um die letzten Tage im Paradies ermöglicht:

Denn war, so fragt man sich durch die Brille der Deep Inkarnation, der Apfelbiss, nicht ein animales Gemeinschaftswerk? Waren wir in dieser Erzählung nicht von Anfang an Komplizen? Und mussten nicht, liest man die Geschichte genau, auch die Tiere am Tor von Eden Federn lassen – beziehungsweise Beine? Jedenfalls war die Schlange fortan explizit dazu verdammt, auf dem Bauch zu kriechen, was vor dem Fall wohl nicht der Fall war.

Aber nicht nur das Alte und Neue Testament werden von den Denker:innen der Deep Incarnation als Fundorte für neue Deutungen und Sichtweisen genutzt. Edwards spannt in seinem Buch den Bogen auch zu den Kirchenvätern.

Von Irenäus entlehnt er dann den bewussten Kampf gegen jede Zweiteilung der Welt und gegen jede Spaltung Gottes. Ursprünglich als Argument gegen die Gnosis gedacht, werden die patristischen Gedanken nun als Medikament zur Heilung aller Formen, platonischer und kartesischer Schizophrenie genutzt.

Da ist nicht Geist und Körper, nicht Licht und Dunkel, nicht virtuell und materiell, nicht Schöpferin und Erlöser – da ist nur Gott in allen Dingen.

Dies schliesst jede vergeistigte Form der Erlösung aus – und gibt dem Materiellen das Gewicht, das es verdient.

Während der Zeitgeist zu einem immer flüchtigeren Aggregatszustand tendiert: mit Kommunikation über den Äther, digitalem Content und virtueller Intelligenz, so machen sich die Denker:innen der Deep Incarnation für einen festen, fühlbaren Aggregatszustand des Göttlichen stark.

Am Ende, so betonen sie, steht kein seelischer Upload in die Cloud, sondern eine umfassende Heilung der Erde und ihrer Lehmwesen.

Für Irenäus und die Theologie der Deep Incarnation gehe es nicht, so fasst es Edward zusammen, um die Erlösung von allen – sondern um die Erlösung von allem.

Philosophisches und Lebendiges

Von einer anderen Seite nähert sich der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem kurzen Text (Enlivement Matthes & Seitz 2016) diesem Thema.

Er unterläuft in immer wieder neuen Anläufen das tief verankerte sprachliche Zerrbild, welches seit der Aufklärung Natur und Kultur zu Gegensätzen erklärt – und damit die Materie für tot erklärt.

Im Gegensatz dazu argumentiert Weber dafür, dass die Welt nicht in Sachen und Ideen getrennt sei, sondern in ihrem Innersten aus einer ständigen schöpferischen Verwandlung bestehe. Das, was er mit Natur meine, sei kreativ und pulsiere in jeder ihrer Zellen vor Leben.

Dieser neue Gedanke aus der Biologie, nämlich dass das Leben, mehr ist als ein blanker elektrischer Impuls in der toten Materie, sondern poetisch, kreativ und materiell, ermöglicht im theologischen Kontext eine spannende schöpfungstheologische Sicht von unten.

Es muss der Logos dann nicht erst von oben her in die dumme, tote Materie einwohnen – nein im Fleisch der Welt wirkt der lebendige, schöpferische Impuls seit dem ersten Moment – eine basale creatio continua des Lebens.   

Weber leitet aus diesem Grundgedanken dann, wie es sich für einen Biologen gehört, eine neue Form der Wissenschaft ab, eine, die den subjektiven Zugang zur Lebendigkeit – das eigene ‘am Leben sein’ – genauso miteinbezieht wie das objektivierende Messen und Zählen. Und er erbaut auf diesem lebendigen Fundament eine Ökonomie, die sich mehr von der Allmende als von der Ausbeutung inspirieren lässt.

Was bringt uns eine klimatisierte Religion?

So unterschiedlich die beiden Ansätze auch sind, so zielen sie doch beide darauf ab, die künstlichen und tradierten Trennungen aufzuheben und die menschliche Verbundenheit mit der Natur/Schöpfung neu zu sehen.

Sie bieten beide ein Kur gegen ein Weltbild, das in seiner Verengung und Zertrennung viele der globalen ökologischen Probleme mit verschuldete.

Nicht mehr «macht euch die Erde Untertan» aber auch nicht «ihr seid Hirtinnen und Hirten der Schöpfung», sondern: «mein lebendiges Wirken ist mitten unter Euch – es ist nahe an Euch herangekommen».

Was mag eine solche Sichtweise bewirken?

Vielleicht: Ein neuer Zugang zum Göttlichen?

Denn, wenn Gott nicht als vernünftige Logik in den Wesen wohnt, sondern als Lebensimpuls, dann geschieht die Erfahrung Gottes mehr über die eigene Lebendigkeit als über die gelehrte Vernunft.

Vielleicht: Ehrfurcht vor dem Leben?

Denn, wenn Gott bis in die Fasern der Haut und des Holzes präsent ist, dann führen wir den Schmerz, den wir den Tieren und Bäumen zuführen, auch Gott zu.

Vielleicht: Hoffnung?

Denn, wenn die Frohe Botschaft darin besteht, dass das Mitleiden Gottes Heilung bewirkt, dann weckt es auch die geschundene Schöpfung.

Vielleicht: Ein sakraler Schöpfungsdienst?

Denn, wenn die erfahrbare Hoffnung uns Menschentiere dazu befreit, den Schutz der Schöpfung als Dienst an Gott zu verstehen und in die Liebe zum Nächsten auch das Reittier miteinzuschliessen, auf dem der verletzte Samaritaner transportiert wurde, dann ist dies der Anfang einer fruchtbaren Klimareligion.

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Patrick Schwarzenbach

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