Begrüssung GEKE-Tagung Bern

Sehr herzlich begrüsse ich Sie in Bern zur Jubiläumstagung der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS anlässlich 50 Jahre Leuenberger Konkordie. Exakt 58,3 Kilometer Luftlinie von hier, auf dem Leuenberg in Basel-Landschaft, erklärten am 16. März 1973 lutherische, reformierte, unierte Kirchen sowie die Kirchen der Waldenser und der Böhmischen Brüder einander die Kirchengemeinschaft und verpflichteten sich gemeinsam zu ihrer Verwirklichung. Die Leuenberger Konkordie ist die Erfolgsgeschichte des ökumenischen Modells von der «Einheit in versöhnter Verschiedenheit». Sie nimmt den Signaturkirchen nicht ihr historisch gewachsenes Profil, aber überwindet den daraus in der Vergangenheit behaupteten kirchentrennenden Status. Die Leuenberger Konkordie ist gelebte ekklesiologische Patchworkfamilie.

Der Titel unserer Tagung «‹Suchet der Stadt Bestes› (Jer 29,7). Wie miteinander in Europa? Ethische Konsequenzen ‹versöhnter Verschiedenheit›» fragt nach den politisch-ethischen Konsequenzen dieser Patchwork-Ökumene für Europa. Der europäische Protestantismus repräsentiert nicht nur Europa auf kirchlicher Ebene, sondern ist auch ein sensibler Seismograf für die politischen Zustände und Herausforderungen im sich wandelnden Europa. Die an der 6. Vollversammlung der GEKE in Budapest 2006 angenommene Projektstudie der Lehrgesprächsgruppe Gestalt und Gestaltung protestantischer Kirchen in einem veränderten Europa formuliert programmatisch: «Der europäische Vereinigungs- und Integrationsprozess stellt [uns] vor schwierige politische, ökonomische und ethische Probleme, nach deren Lösung gesucht wird. Die protestantischen Kirchen in Europa, wie sie in der GEKE vereinigt sind, könnten in der Wahrnehmung ihres Auftrags dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie treten für die Humanisierung Europas ein, indem sie Gottes Liebe zu allen Menschen bezeugen.»[1]

Für die «Humansierung Europas» eintreten! Wie weit entfernt erscheint dieser Anspruch heute, angesichts der Flüchtlingswellen seit 2015, der globalen Corona-Pandemie, der Rückkehr des Kriegs nach Europa und aktuell im Nahen Osten und dem bereits länger anschwellenden Neonationalismus in Europa. Verunsicherung, Bedrohung, Einschüchterung und Ratlosigkeit trifft die europäische Bevölkerung und die nationalen Regierungen ebenso wie die Kirchen, sowohl in ihrem Inneren als auch in ihren Beziehungen untereinander. Von der Rückkehr von Grenzzäunen und Grenzkontrollen innerhalb Europas bleiben auch die Kirchen nicht unberührt. Das Gemeinschaftsverständnis der GEKE ist kein statisches, sondern folgt im Kern der Überzeugung des Berner Pfarrers und Dichters Kurt Marti: «Gott liebt das Monopol nicht.»[2] Zugleich bekennt die GEKE ihre biblisch bezeugte, ekklesiologische Einheit. Aber diese Einheit bliebe blosse theologische Theorie, würde sie nicht lebensweltlich konkret für die Menschen in Europa!

Der Schlussbericht der 8. Vollversammlung der GEKE 2018 in Basel enthält im Anhang ein Dokument anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Der bemerkenswerte Text endet mit dem Jeremiazitat aus unserem Tagungstitel: «Suchet der Stadt Bestes». Damit verband die Vollversammlung in Basel ausdrücklich das Anliegen, «das Gespräch untereinander zu diesem Wort zu suchen und in der Gesellschaft, in der sie leben, zur Sprache zu bringen».[3] Deshalb sind wir heute hier zusammengekommen. In den nächsten drei Tagen wollen wir uns der Aufgabe stellen, die die letzte GEKE-Vollversammlung der Kirchengemeinschaft gestellt hat. Wir leben nicht in Zeiten für Superlative. Dennoch verbinde ich mit der Tagung die Hoffnung, nicht das Beste, aber immerhin etwas Besseres für Europa zu suchen.


[1]    Wilhelm Hüffmeier/Martin Friedrich (Hg.), Gemeinschaft gestalten – Evangelisches Profil in Europa. Texte der 6. Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa – Leuenberger Kirchengemeinschaft – in Budapest, 12. Bis 18. September 2006, Frankfurt/M. 2007, 66f.

[2]    Kurt Marti, «Ich bin jetzt eigentlich fällig». Gespräch mit Kurt Marti: Der Bund, 28.03.2011, 31.

[3]    Mario Fischer/Kathrin Nothacker (Hg.), befreit – verbunden – engagiert. Dokumentationsband der 8. Vollversammlung 2018. Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) vom 13.–18. September 2018 in Basel, Schweiz, Leipzig 2019, 65.

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Rita Famos

Rita Famos

Pfarrerin

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