Kulturelle Aneignung zwischen Verunsicherung und Herrschaft 

Immer häufiger werden bisher völlig selbstverständliche Praktiken scheinbar über Nacht zum Problem. Gesellschaftlich eingelebte Gewohnheiten, deren Vertrautheit keinen Gedanken daran aufkommen lassen, dass etwas daran falsch oder schlecht sein könnte, stehen plötzlich am Pranger. Die schon ältere politische Korrektheit mutiert zur identitätsessentialistischen Wokeness. Wurden im ersten Fall das Verhalten und die Kommunikation in der Öffentlichkeit kritisch überprüft, gerät im zweiten Fall die Persönlichkeit (Identität) der Person unter Verdacht. Heute können Menschen nicht nur im falschen Geschlechtskörper, sondern auch in der falschen «zweiten Natur» (Kultur) geboren werden. Das Problem besteht nicht in den Phänomenen selbst (die uralt sind), sondern in ihrer Normierung als «richtig»/«korrekt» und «falsch». Die spätliberale Gesellschaft wird mit moralischen Herausforderungen überschwemmt, von denen die Generation zuvor nicht einmal zu träumen wagte. 

Subjekt und Moralität

Individualisierte und säkularisierte Gesellschaften tun sich schwer damit, weil sie im Gegensatz zu religiösen Kulturen nur mit Fortschritt rechnen und Wandlung (z. B. die schöpfungs- und rechtfertigungstheologische Differenz zwischen «alter» und «neuer» Kreatur bzw. «altem» und «neuem» Menschen) ausschliessen. Die Treue gegenüber sich selbst muss aus einem – wie immer gearteten – Ursprung abgeleitet und kann nicht als Nichtidentität oder Identitätstransformation erlebt und gedacht werden. Weil der Wert des Fortschritts darin besteht, dass er nicht einfach geschieht, sondern gemacht wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Subjekt (Wer hat’s gemacht?) und seiner Moralität (Hat das Subjekt gut/korrekt gehandelt?).

Die Moral ist das Gift, das alle Zweifel zersetzt.

Und weil die Subjekte nicht nur Fortschritt machen, sondern auch ihre Moral, stecken alle Formen von Weltgestaltung in einem intrinsischen Legitimationsdilemma. Denn die Kohärenz zwischen Handeln und Urteil ist zwangsläufig, die Moral ist das Gift, die alle Zweifel zersetzt. Deshalb ist es genauso selbstverständlich wie töricht, sich auf die eigene Moral zu verlassen. Genauso naiv ist es umgekehrt, sich auf eine alternative Moral zu berufen, weil sie beliebig wäre und keine Autorität beanspruchen könnte, ausser der Diskursmacht, die es bestimmten Subjekten erlaubt, ihre Moral gesellschaftlich durchzusetzen.  

Produkt kultureller Aneignung

Das Dilemma bestimmt die aktuellen Debatten über kulturelle Aneignung (cultural appropriation) von Frisuren, Outfits, Symbolen, Kunst, Ritualen, Begriffen, Namen und Praktiken. Religionsphänomenologisch handelt es sich zunächst und allgemein um Formen kultureller Konversion. Europa wurde christlich, indem es das jüdisch-christliche Konglomerat aus dem Orient importierte und dann auf bekannte Weise zum reinen Christentum «veredelte». Bekehrung lautete das sonntägliche und persönliche Narrativ für eine lange Zeit perfekt funktionierende Herrschaftsstrategie. Die christlichen Kirchen waren Produkt und Profiteurinnen einer beispiellosen kulturellen Aneignung, bis sie von einer säkularen Politik abgelöst wurden, die viel weniger veränderte, als sie Glauben machte.  

Die christlichen Kirchen waren Produkt und Profiteurinnen einer beispiellosen kulturellen Aneignung, bis sie von einer säkularen Politik abgelöst wurden, die viel weniger veränderte, als sie Glauben machte.  

Der negative Klang darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Erbschaften und Traditionen weder auf Freiwilligkeit noch auf Wahl beruhen. Die Erb:innen stehen in der Schuld der Vererbenden – ob sie wollen oder nicht –, genauso wie die Vererbenden die Erb:innen verschulden – ob sie wollen oder nicht. Kulturelle Erbschaften sind Not und Tugend, Trauma und Privileg, je nachdem und immer zugleich.

Die Herausforderung der Debatten um kulturelle Aneignung besteht einerseits darin, dass das kulturell Angeeignete gar nicht als das Nichteigene wahrgenommen wird und andererseits darin, dass sie der antagonistischen Logik eines Handtaschendiebstahls von Enteignung und Aneignung folgen. Unterstellt wird, dass die enteigneten und aneignenden Subjekte im gleichen Spiel sind, in dem einige Spieler:innen für sich beanspruchen, was eigentlich den anderen Spieler:innen gehört. Übersehen wird dabei, dass kulturelle Aneignung nicht in einem dem Diebstahl analogen Akt besteht, sondern in ihrer Rekonstruktion als Diebstahlspiel.  

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema kulturelle Appropriation finden Sie im Beitrag "Wie kulturelle Aneignung denken?".

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Frank Mathwig

Prof. Dr. theol.
Beauftragter für Theologie und Ethik

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