Religiöse Erfahrung und kirchliche Deutung

Die Kirchenmitgliedschaft geht zurück, die Relevanz der Kirchen schwindet, aber gleichzeitig blüht auf individueller Ebene das religiöse Erleben und Leben der Menschen. Was bedeutet dies für unsere Gesellschaft, die Kirchen, die Pfarrerinnen und Pfarrer und die Ausbildung derselben? Isabelle Noth, Professorin für Praktische Theologie an der Uni Bern und ihr Kollege Stefan Huber, Professor für empirische Religionsforschung haben sich in ihrem Gastbeitrag in der NZZ mit diesen Fragen befasst. Die Reaktionen auf den Beitrag sind scharf und vielfach ablehnend. Die Leserinnen und Leser wittern Bevormundung und kritisieren die Kirche für ihr autoritäres Selbstverständnis. Zu Recht?

Säkularisierung und Individualisierung

Noth und Huber führen zunächst aus, dass die religionssoziologischen Debatten von zwei Paradigmen beherrscht werden: Erstens vom Säkularisierungskonstrukt, das von der institutionellen Vermittlung von Religion ausgeht und einen Traditionsabbruch und ebenfalls die Abnahme institutionengebundener Religiosität konstatiert. Zweitens vom Individualisierungsparadigma, das davon ausgeht, dass Menschen ungeachtet ihrer religiösen Sozialisierung, nämlich durch religiöse Erfahrung mit Religion und religiösen Existenzdeutungen in Kontakt kommen. Sie zeigen auf, dass diese unterschiedliche Wahrnehmung nicht einfach in der Deutung empirischer Daten gründen, sondern schon durch die methodische Herangehensweise der Datenerhebung bedingt ist. Grob gesagt arbeiten die Individualisierungstheoretiker mit der Lupe und forschen anhand meist kleinerer Stichproben mit qualitativen Methoden, während die Säkularisierungstheoretiker herauszoomen und mit quantitativen Methoden grössere und repräsentative Stichproben untersuchen.

Institutionelle Praxis und religiöse Erfahrung

Institutionell vermittelte Deutung und Praxis sind im Sinkflug begriffen, religiöse Erfahrung boomt.

Dabei bildet der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, der auf den theoretischen Grundlagen beruht, die Stefan Huber mit seinem Zentralitätsmodell vor zwanzig Jahren erarbeitet hatte, eine Ausnahme. Der Religionsmonitor stellt die einzige repräsentative Studie dar, die explizit nach religiösen Erfahrungen fragt. Wer die Ergebnisse der Studie von 2007 mit jenen von 2017 vergleicht, kann feststellen, dass in diesem Zeitraum die Häufigkeit des Gebets abgenommen und die Häufigkeit religiöser Erfahrung zugenommen hat. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, Österreich und Frankreich gilt dieser Befund: Institutionell vermittelte Deutung und Praxis sind im Sinkflug begriffen, religiöse Erfahrung boomt.

Folgen für die institutionelle Kirche

So weit so gut. Bereits seit den 70er-Jahren ist die Religionssoziologie verstärkt auf die individuelle Gestalt und Transformation von Religion aufmerksam geworden. Berger und Luckmann haben mit «The invisible Religion» (1967) die bis heute rezipierte Grundlage verfasst. Die Säkularisierungsthese, v.a. diejenige Form, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Bildungs- und Wohlstandszuwachs und der Minderung religiöser Zentralität für die Orientierungsleistung der Religion behauptet haben, ist weithin umstritten. Aber welche Folgen ergeben sich daraus für die Kirche und welche Rolle kommt ihnen innerhalb eines durch die Individualisierungsthese mitgeprägten Gesellschafts- und Religionsverständnisses zu?

Eine überraschende Antwort

Exakt an dieser Stelle liefert der Gastbeitrag eine überraschende Antwort: Eine religionspolitische. «Wollen Kantone in Zukunft einen religiösen Wildwuchs verhindern, der auch Nährboden für extremistische Ideologien bieten kann, so müssen sie einen religionspolitischen Gestaltungsauftrag wahrnehmen.» Die Kirchen werden als staatstragende Institutionen angepriesen, die über «grosse historisch gewachsene Kompetenzen» verfügen.

Die Kirchen werden als staatstragende Institutionen angepriesen, die über «grosse historisch gewachsene Kompetenzen» verfügen.

Das Programm ist klassisch: Professionelle Seelsorge in Spitälern und Gefängnissen durch «theologisch und psychologisch gut ausgebildete» Seelsorger:innen und Religionsunterricht an Schulen. Dieses Programm besteht seit Jahrzehnten.

Der Staat nimmt die Religionsgemeinschaften in die Pflicht. Aber nicht gegen religiösen Wildwuchs, sondern von objektiven Qualitätskriterien geleitet. Unser liberaler Rechtsstaat sollte keine Mandate zur Pflege religiöser Gesinnung vergeben und die Landeskirchen müssen zu einer Staatsgewalt, die das tun will, auf Abstand gehen. Die Kirche hat ihren Auftrag als Gegenüber des Staates aus ihrer Berufung und konkreter aus ihrer Verfassung.

Ein durchschaubarer Winkelzug

Damit kolportiert der Beitrag aber genau jenes Kirchenbild, das von den Menschen nicht mehr geteilt und von der Gesellschaft nicht erwünscht wird. Die Kirche als Kontrollinstanz. Es klingt nach einem Rückzugsgefecht und einer theologisch-kirchlichen Selbstlegitimation, ja sogar danach, als ob die Individualisierung primär als Gefahrenquelle für die Verbreitung extremistischer Ideologien gesehen wird. Dafür gibt es keine Belege. Im Gegenteil: Individualisiert gestaltete Religion ist weder politisch reaktionärer noch grundsätzlich extremistischen Weltbildern und Vorstellungen zugewandter. Die Leser:innen der NZZ reagieren auf diesen falschen Alarmismus, den allzu durchschaubaren Winkelzug zwecks Stärkung kirchlicher Autorität, zu Recht allergisch.

Wahrnehmen und Deuten

Vor mehr als zwanzig Jahren hat dagegen Wilhelm Gräb, liberaler protestantischer Theologieprofessor für Praktische Theologie zunächst in Bochum, dann in Berlin einen anderen Ansatz skizziert: Die theologische Kompetenz liegt nicht in der normierenden oder moralisch-urteilenden Kraft theologischen Denkens, sondern im Vermögen, genau hinzusehen, zuzuhören und gemeinsam Sprache und Ausdruck für das religiöse Leben und Erleben zu finden.

Die theologische Kompetenz liegt nicht in der normierenden oder moralisch-urteilenden Kraft theologischen Denkens, sondern im Vermögen, genau hinzusehen, zuzuhören und gemeinsam Sprache und Ausdruck für das religiöse Leben und Erleben zu finden.

Institutionell ist das schwer fassbar und es passt nicht mit dem Selbstverständnis einer Kirche zusammen, die sich auf grosse historisch gewachsene Kompetenzen beruft. Aber ich bin sicher, dass Kirchgemeinderätinnen, Katecheten, Seelsorgerinnen, Diakone und Pfarrerinnen solche Glücksmomente gelungener religiöser Kommunikation kennen und wissen, welche Kraft in der gemeinsamen Suche nach Sprache für das liegt, was uns übersteigt und verbindet. Wir alle sollten uns aber davor hüten, daraus ein Programm für die institutionelle Selbsterhaltung zu formulieren.

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Stephan Jütte

Stephan Jütte

Dr. theol.

Leiter Theologie und Ethik
Mitglied der Geschäftsleitung

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