Gott queer gedacht

Andreas Krebs, Professor für Alt-Katholische und Ökumenische Theologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, legt mit "Gott queer gedacht" ein Buch vor, das nicht nur in queere Diskurse innerhalb der Theologie einführt, sondern "queer" als regelrechten hermeneutischen Schlüsselbegriff in der Möglichkeit der Gottesrede und der Wirklichkeit der Gottesbilder begreift.

Inhalt und Anliegen

Das Buch gliedert sich in neun kurze Kapitel. Ohne Vorwissen zu queerer Theologie vorauszusetzen, wohl aber verbreitete Vorurteile und Aversionen antizipierend, führt Krebs in queere Perspektiven der Gottesrede ein. Dabei wird deutlich, dass queere Gottesrede keineswegs ein politisch korrektes Packpapier für den alten weissen Mann im Himmel darstellen soll, sondern selbst epistemologische Qualität hat. Die Abendmahl-Darstellung auf dem Buchumschlag der schwedischen Künstlerin Elisabeth Ohlson, soll programmatisch verstanden werden:

"Es geht hier nicht um Wirklichkeit, sondern um Möglichkeiten, die sie (die Fotografie) birgt - um die Entdeckung neuer G*ttesgeschichten. Sie können zu einer Welt beitragen, die von queeren Menschen erzählt. Theologie wird daraus durch eine Voraussetzung, die allerdings nur in Glaube und Hoffnung zu wagen ist: dass G*tt selbst sich in dieser Geschichte neu zu entdecken gibt."

Gott queer gedacht,16f.

Sperrige Vorlage

Krebs leugnet nicht, dass sich das christliche Erbe zu diesem Unterfangen mitunter sperrig verhält. Gerade darin liegt eine Stärke dieses Buchs. Sie blendet die schwierigen Bibelstellen und kirchen- und dogmengeschichtlichen Entwicklungen nicht aus, sondern stellt ihnen starke Alternativen zur Seite: Eine christologische Lesart gegen die Schöpfungsordnung, einen Gott im Werden, der keine feste Identität, wohl aber verlässliche Beziehung bedeutet und das Gebot der Nächstenliebe als hermeneutische Mitte der Schrift, von wo aus manches anders gewichtet oder überhaupt erst fokussiert werden kann.

Mystische Erdverbundenheit

Ausgerechnet unter dem brachialen Zwischentitel "Tod einer 'Schwuchtel'" bietet Krebs eine bewegende und feinsinnige Revue von Marcella Althaus-Reids Bibelkommentar. Originelle theologische Ideen zum Kreuz sind in der deutschsprachigen Theologie selten. Die scheinbaren ausweglosen Alternativen zwischen Opfer- und Sühnetod auf der einen Seite und einer seltsamen Vergöttlichung des Leidenden, das den Gekreuzigten zum eigentlich Handelnden und damit zum wirklich Verantwortlichen stilisiert, bleiben für das Empfinden der allermeisten Menschen unbefriedigend. Krebs liefert an dieser Stelle keine Antwort, sondern verbindet zwei Bildszenen: Der gekreuzigte Jesus und die ermordete Transvestitin, der Ausruf des Hauptmannes - "Er war der Sohn Gottes!" und derjenige des Polizisten - "Verdammt! Die loca war berühmt!" werden übereinandergelegt. Dazwischen entsteht die Idee einer Gerechtigkeit, die Leben bedeuten könnte.

Bilder, die nach innen wirken

Wer - wie der Rezensent - diese queeren, meist englischsprachigen Entwürfe nicht kennt, hat mit dem Büchlein einen regelrechten Fundus an frischen, tief beeindruckenden Bildern vor sich. Krebs benutzt diese Bilder nicht illustrativ, etwa um seine Ideen zu untermauern. Sie kommen in ihrer vollen Stärke zur Geltung, weil er ihnen selbst offenbarenden Charakter zutraut. Damit verlässt er die klassischen Pfade deutschsprachiger Theologie. Und das lohnt sich. Denn diese Lektüre stellt die eigene, zwar liebgewordene, aber manchmal auch zu selbstverständliche Glaubenspraxis in ein neues Licht. Zum Beispiel feiert man Abendmahl anders, nachdem man das Brechen des Brotes mit der Geschichte Davids, dem Aidskranken, Sterbenden, Geliebten verbindet. Aber diese Geschichten müssen gelesen, nicht rezensiert werden.

Aufgabe der Kirchen

Das siebte Kapitel hält inne und reflektiert nochmals grundsätzliche hermeneutische und fundamentaltheologische Voraussetzungen. Dabei sind v.a. trinitätstheologische Überlegungen zentral und münden in den Versuch, die Gegenständlichkeit der Gottesrede und die Bildhaftigkeit, die sich in der Rede von Vater und Sohn ergibt, durch eine starke Pneumatologie zu flankieren. Die beiden Schlusskapitel versprechen, die Linien des bisher vorgestellten ekklesiologisch auszuziehen. Krebs schreibt dabei aber vorwiegend über eine gedachte, ideelle Kirche. Zwar finden sich auch konkrete Forderungen an Kirchen, etwa im Verweis auf die sieben Lektionen für Kirchen der Literaturwissenschaftlerin und Trans*-Aktivistin Ramey Mollenkott, die sehr praxisnahe sind. Aber die Diskussion über die eschatisch-identitätsprägende Kraft der Taufe oder das Urheberrecht auf Gendertheorie durch Gregor von Nyssa - beide mit Bezug auf Elizabeth Stuart - nehmen viel Raum ein. Zu diesem Thema ist schlussendlich der Verweis auf Ruth Hess' eschatische Bestimmung von leibhaftiger Identität sehr einleuchtend.

Kritik

Andreas Krebs mach in seinem kurzweiligen, leicht lesbaren Buch unterschiedliche englischsprachige Entwürfe zugänglich, die insgesamt zeigen, dass queere Theologie weit mehr ist, als ein political corecctnes-Gütesiegel. Das Buch eignet sich hervorragend für einen ersten Zugang zur Thematik, bietet es doch an jedem Kapitelende wertvolle Hinweise auf weiterführende und vertiefende Literatur. Darüber hinaus ist es ein wirklich anregendes Buch für all jene, die Lust haben auf neue Impulse, um über ihr Gottesbild nachzudenken. Wer dazu noch eine Motivationsspritze braucht, kann ja zunächst mit einem kurzen Blogbeitrag des Autors in die Thematik einsteigen.

Andreas Krebs: Gott queer gedacht, Echter Verlag, 2023, 148 Seiten.

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Stephan Jütte

Dr. theol.

Leiter Theologie und Ethik
Mitglied der Geschäftsleitung

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