Toxic Church: Wenn Kirche krank macht

Im neuen Podcast "Toxic Church – Die Hillsong Story" blicken Kyra Funk und Matern Boeselager hinter die glitzernde Fassade der Mega-Church "Hillsong". Dabei stossen sie nicht nur auf menschliches und allzu menschliches, sondern auf Strukturen, die Ausbeutung, seelischen Missbrauch und Machtmissbrauch begünstigen. Stephan Jütte findet, dass auch die evangelisch-reformierte Landeskirche daraus lernen kann.

Bei Hillsong schien zu funktionieren, was nicht zusammen passt: rigide Sexualmoral, Gehorsam und enge Bibeltreue, mit Stil und Sexappeal.

Hillsong hat Massstäbe gesetzt. Mit ihren Bands und deren selbst komponierten Songs, der Bühnenästhetik und ihrem digitalen Auftritt, hat Hillsong nicht nur den Zeitgeist meiner Generation getroffen, sondern wesentlich mitgeprägt. Die Kirche hat sich, ausgehend von Australien, weltweit verbreitet. Stars wie Justin Bieber, Chris Pratt oder Selena Gomez haben Hillsong als Mitglieder und Botschafterinnen zu noch grösserer Bekanntheit verholfen. Pastoren wie Brian Houston oder Carl Lentz haben selbst auch ausserhalb der evangelikalen Bubble Promi-Status erreicht. Bei Hillsong schien zu funktionieren, was nicht zusammen passt: rigide Sexualmoral, Gehorsam und enge Bibeltreue, mit Stil und Sexappeal.

Aufstieg und Fall

Bis 2018 wurden weltweit mehr als vierzig Tochtergemeinden gegründet, Hillsong United, das Musikprojekt unter der Leitung von Joel Houston, Sohn des Kirchengründers, reihte Erfolg an Erfolg. Seit 2020 kommt Hillsong aber nicht mehr aus den Negativschlagzeilen heraus: Die charismatische Stil-Ikone Carl Lentz muss die Kirche verlassen, nachdem bekannt geworden ist, dass er eine Affäre mit der Frau eines Kollegen hatte, die bei seiner Familie als Nanny gearbeitet hat. Zwei Jahre später muss auch Brian Houston den Hut nehmen. Der Gründungspastor soll den sexuellen Missbrauch von Kindern durch seinen Vater vertuscht haben und selbst unter Medikamenten- und Alkoholeinfluss gegen den "pastoralen Verhaltenskodex" verstossen haben.

Was ist "toxisch"?

"Toxic Church" meint nun aber mehr, als den Missbrauch und das Fehlverhalten einiger mächtiger Führungsfiguren. Die Zuschreibung bezeichnet eine Organisation und deren Betriebsklima, das solchen geistlichen, sexuellen und wirtschaftlichen Machtmissbrauch begünstigt. Dabei gleichen sich die Mechanismen, egal ob es um eine Freikirche, die Römisch-katholische Kirche oder mächtige Vereine wie die FIFA geht: Vergehen werden öffentlich und sobald sie öffentlich werden, stellt die Organisation sie als individuelle Charakterschwäche oder persönliche Verfehlung dar. Die Kirche ist unschuldig, aber die Kirche in einer gefallenen Welt ist nicht frei von menschlicher Sünde.

Hillsong wurde nicht zufällig oder schicksalshaft durch die Fehlleistungen einzelner weniger kompromittiert, sondern stellt selbst ein System dar, das Missbrauch fördert und vertuscht.

Funks und Boeselagers Reportage zeigt jedoch, dass es sich keineswegs nur um individuelle Vergehen handelt. Hillsong wurde nicht zufällig oder schicksalshaft durch die Fehlleistungen einzelner weniger kompromittiert, sondern stellt selbst ein System dar, das Missbrauch fördert und vertuscht. Folgende Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle:

Klare Trennung zwischen innen und aussen

Wer seine Umwelt bedrohlich findet, nimmt zu viel in Kauf, damit die Oberfläche glänzt.

Eine Gruppe, die von der sie umgebenden Öffentlichkeit das Bild einer bedrohlichen und missgünstigen Umgebung zeichnet, findet immer Gründe, Probleme zu vertuschen, Missbrauch zu verschweigen und Macht nicht zu kontrollieren: "Ja, das hätte er nicht tun sollen. Aber stell dir vor, wie das unserer Kirche schadet, wenn die Welt das erfährt!" Dass die Oberfläche glänzt und die Aussendarstellung stimmt, ist nicht eine Oberflächlichkeit, sondern wird zum Gottesdienst in einer Welt, die von Gott nichts weiss und ist Ausdruck einer Gemeinschaft, die sich selbst als Visitenkarte Gottes versteht. Unter diesem Druck werden Probleme, Straftaten und Fehlverhalten einfach unter den Teppich gekehrt.

Gehorsam und Unterordnung stehen in einem Missverhältnis zu Mitbestimmung und Kritik

Gehorsam ist kein Wert an und für sich.

Nicht alles kann jederzeit von allen infrage gestellt werden. Jedenfalls nicht, wenn man grössere Events oder Projekte managen will. Unterordnung muss aber als Teil einer Teamkultur verstanden und darf nicht zu einem Gehorsams-Ethos stilisiert werden, der die Leitungsfiguren vor inhaltlichen Diskussionen bewahrt und sie von der Rechenschaftspflicht entbindet. Gehorsam ist kein Wert an und für sich. Er ist immer nur so gut, wie das Ziel, dem er sich verpflichtet. Deshalb braucht es eine lebendige Teamkultur, die Mitbestimmung und Kritik ermöglicht. Macht braucht Kontrolle und Macht zu kontrollieren, ist kein Akt des Misstrauens, sondern schlicht ein verantwortungsvoller Umgang mit Menschen, Geld und dem Vertrauen, durch das Menschen und Geld der Kirche zufliessen.

Das "Wie?" steht über dem "Warum?"

Erfolg kann zum Selbstzweck werden.

Erfolg macht Spass. Es muss ein wunderbares Gefühl sein, in einer Kirche zu arbeiten, die sich selbst als Erfolgsstory begreift. Aber Erfolg kann auch blind machen. Indem man immer mehr Erfolg in Form von Wachstum, Spenden, Taufen, Mitgliedern anstrebt, kann die eigene Institution oder Organisation zum Selbstzweck werden. Was Hillsong gross macht, ist gut. Aber diese Ideologie ist gefährlich, weil sie die Organisation Schritt für Schritt von der Mission entfernt, um derentwillen sie erst entstanden ist.

Schadenfreude oder Selbstbesinnung

Auf Facebook haben sich manche schadenfreudig oder missgünstig über die Aufdeckung dieser Missstände bei Hillsong gezeigt. Manche Pfarrpersonen oder Pastoren haben so getan, als ob der Untergang von Hillsong die eigene Freikirche oder Landeskirche irgendwie besser machen könnte. "Haha, da habt ihr's! Wir sind zwar langweiliger. Dafür sind wir die Guten!"

Wer so denkt, verpasst die Chance, selbst aus dem Schlamassel zu lernen. Ich habe mir überlegt, was dies für mich als Mitglied der reformierten Kirche bedeuten könnte. Wir stehen wahrscheinlich in puncto Compliance oder Finanztransparenz besser dar. Aber in anderen Bereichen haben wir Luft nach oben:

Wir brauchen ein "Warum"

Ich erlebe meine Kirche dort am stärksten, wo sie ein starkes "Why" hat. In der Jugendgruppe wussten wir, was wir tun und wozu. Wir glaubten daran, dass unser Dorf durch unseren Jugendtreff ein besserer Ort für viele Jugendliche wird, dass uns Gebet und Andacht helfen, mit unseren Ängsten klarzukommen und gute Beziehungen zu führen und wir vertrauten einander, dass wir uns dabei unterstützen würden.

Heute erlebe ich das kaum. Die Gründe sind irgendwie diffus und austauschbar geworden. Wir wollen den Planeten retten - will ich auch, aber muss das in der Kirche sein?!, Geschlechtergerechtigkeit fördern - ja, aber das ist für mich nicht das Ziel unserer Kirche, sondern die Art und Weise, wie wir auf dem Weg sind, und vor allem und ständig wollen wir als Kirche "relevant" sein - und sind es damit oft nicht.

Schluss mit dem Freiwilligen-Pathos

Meine Kirche ist immer wahnsinnig stolz auf "ihre Freiwilligen". Ganz oft zu Recht! Aber es gibt eine Kehrseite dieses wertvollen Engagements. Freiwillige werden manchmal einfach eingesetzt, um Dienstleistungen billiger zu erbringen oder Lücken im Betriebsablauf zu stopfen. Freiwilligen-Arbeit ist Arbeit. Wir sollten sie nicht spiritualisieren oder verklären. Freiwillige sind keine Ressource, die wir verwalten können wie einen Kirchenschatz. Es sind Menschen, die sich aus eigenem Antrieb für eine gute Sache engagieren. In unserer Kirche hat es aber nicht nur Platz für Marta, sondern auch für Maria. Ich wünsche mir eine Kirche, deren bezahlte Mitarbeiter:innen nichts tun, was die Freiwilligen auch tun könnten und beide das alles lassen, worauf niemand Lust hat.

Die Struktur muss zur Aufgabe passen - nicht umgekehrt

Ich engagiere mich selbst in der Kirche. Als Kirchgemeinderat, als Vorstandsmitglied der offenen Kirche in Bern und als Mitglied der Synode, dem Kirchenparlament. Ich tue das, weil ich die Kirche eigentlich für meinen Glauben und unsere Gesellschaft wertvoll finde. Viele Aufgaben oder Probleme, die mich in meinem freiwilligen Engagement beschäftigen, haben damit aber kaum etwas zu tun. Ich sitze in Meetings, in denen wir uns nur um die eigene Organisationsform drehen. Sollen wir fusionieren oder eigenständig werden? Wie kommunizieren wir unser neues Erscheinungsbild gegenüber den Gesamtkirchengemeinden? Sind die Organisationsreformen in der zentralen Verwaltung auf gutem Weg? Mich ermüden diese Fragen. Oft nehme ich an den Sitzungen aus Pflichtgefühl teil und weil ich andere Menschen, die ich mag, nicht im Stich lassen möchte.

Auch ein "kaputtes" Hillsong weckt diese Sehnsucht

Manchmal schweifen meine Gedanken ab: Was würde in meinem Kirchgemeinderat alles möglich werden, wenn wir uns nicht ständig und vor allem um die Verwaltungsansprüche der Institution kümmern müssten! Wie würde meine Kirche ausschauen, wenn wir alle unsere Kompetenzen, Erfahrungen und Ideen wirklich einbringen könnten und zusammen etwas bewegen würden? Wenn ich ein echtes Problem hätte - egal ob juristischer, zwischenmenschlicher, theologischer, spiritueller oder finanzieller Art, wäre ich sicher, dass dieser Kirchgemeinderat es lösen könnte.

Ja, auch ein "kaputtes" Hillsong weckt in mir noch diese Sehnsucht. Nach einer Kirche, die den Unterschied macht. Nach lebendiger Gemeinschaft, erlebbarem Glauben, einer positiven Zukunftsvision und nach begeistertem Engagement, das andere mitreisst und ansteckt.

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Stephan Jütte

Dr. theol.

Leiter Theologie und Ethik
Mitglied der Geschäftsleitung

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Eine Antwort

  1. Was ist die Motivation hinter dem Podcast? Ich habe den Podcast angehört und kenne Max persönlich. Die Hillsong Konstanz habe ich mit aufgebaut. Ich kenne viele Leiter persönlich.
    Als Coach für Mindset, Leadership und Persönlichkeitsentwicklung frage ich mich was Menschen motiviert und bewegt. Auch dieser Podcast bestätigt meine Erfahrung, dass 95% aller Menschen ein Problem mit ihrem Selbstwert haben. Weswegen sie sich schnell gekränkt, persönlich angegriffen oder schlecht behandelt werden. Sie erkennen nicht, dass sie die Entscheidung selber getroffen haben ohne sich über die Konsequenzen im klaren zu sein, oder diese im Vorfeld genau geklärt zu haben. Aus dieser Enttäuschung heraus agieren sie, urteilen sie und versuchen sich Luft zu machen.
    Dazu kann ich nur sagen: Emotionen hoch, Intelligenz runter.
    Ich kann bestätigen, dass die Hillsong sehr viele Menschen erreicht hat und erreicht. Ihre Musik bewegt Millionen Herzen. Sie hat gesät und sät immer noch. Was säen Kyra Funk und Matern Boeselager?

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