Welche Pluralität verträgt die GEKE und welche Verbindlichkeit braucht sie zur Wahrnehmung ihres gesellschaftspolitischen Auftrags in Europa?

Diese Frage ist unter Berücksichtigung von drei Kontextelementen zu beantworten: (i) Angesichts der Wiederkehr von Kriegen und Terrorismus und deren Dominoeffekten; (ii) angesichts der Schmerzen der Menschen jüdischer und muslimischer Herkunft und dem Wiederaufflammen von gegenseitigem Hass, nicht nur in Israel und Gaza; (iii) angesichts der Ängste vor Verlust von Privilegien, Traditionen, Territorien und Identitäten – der Ängsten vor dem „Fremden“, vor dem „Anderen“ oder vor der Zukunft.

1. Einführung

Wie bewährt sich das Engagement für „Versöhnte Verschiedenheit“ in der europäischen Kirchengemeinschaft? Es scheint, als sei das in der Vergangenheit Erstrebenswerte heute immer weniger möglich oder hoch umstritten. Was müssten Kirchen in der Öffentlichkeit mutiger sagen?

Der Auftrag der christlichen Kirchen (sowie der Religionsgemeinschaften) bleibt unverändert: Versöhnung anstreben, Verbundenheit erhalten (und aushalten) und die Verbindlichkeit christlicher und menschlicher Zusammengehörigkeit fördern.

Es geht nicht darum, die Kirchen als Ideale oder Vorzeigemodelle zu präsentieren, die zeigen, was zu tun ist, sondern zu beobachten, wie die Kirchen, indem sie mit denselben Ängsten und Sorgen konfrontiert sind, zu Zeuginnen und Zeichen unerwarteter Möglichkeiten werden können. Den GEKE-Mitgliedskirchen ist ein Weg vorgezeichnet, der sie selbst als Erste herausfordert. Ihre Kirchengemeinschaft ist weder eine Weltkirche, noch kann sie sich auf eine besondere Autorität berufen. Dagegen verbindet sie eine 50-jährige Erfahrung in den Herausforderungen des Miteinanders als GEKE in ganz verschiedenen Zusammenhängen. Was folgt aus diesen Erfahrungen gegenseitiger Zusammengehörigkeit und gemeinschaftlichen Dienstes für die ökumenische Gestaltung der christlichen Kirchen weltweit? Welche Impulse gehen von ihr für die globale ökumenische Kirche aus? Und welchen Einfluss kann die GEKE auf die politischen Verhältnisse nehmen?

Wird Frankreich als Testfall – oder „Crashtest“ – genommen, dann muss nüchtern festgestellt werden: Die GEKE hat hier keinen politischen Einfluss. Weil in dem laizistischen Land religiöse Grundkenntnisse fehlen, ist den Verantwortlichen in Politik und Staatswesen die Bedeutung eines Glaubens weitgehend fremd. Das spiegelt sich einerseits in einer grossen Naivität und andererseits in vielen Vorurteilen gegenüber den Religionsgemeinschaften wider: Kirchen und Religionsgemeinschaften werden ins Abseits gestellt (ins «Private», wie es höflich formuliert wird). Die Situation ist gesellschaftlich kontraproduktiv und riskant, weil sich der Fundamentalismus angesichts der öffentlichen Ignoranz als Opfer stilisieren und profilieren kann. Gleichzeitig gibt es keinen Ansatzpunkt für eine „öffentliche Theologie“, der selbst in seinen akademischen Varianten als suspekt erscheint. Schliesslich ist die dominierende digitale Kommunikation völlig ungeeignet für die nuancierte Darstellung von Glaubenszusammenhängen. Tatsächlich wird der Theologiebegriff – sofern er überhaupt in den Medien und der Öffentlichkeit auftaucht – nicht für das Christentum, sondern für den Islam verwendet: Personen die den Islam lehren werden in den öffentlichen französischen Medien als «Theologen» bezeichnet.

Zugleich hat der französische Protestantismus durch die GEKE eine europäische Weite und grenzüberschreitende Relevanz erhalten, wie besonders das Beispiel die Zusammenarbeit der Kirche in Elsass-Lothringen mit der „Konferenz der Kirchen am Rhein“ (KKR) und in der inner-französischen Diaspora mit der „Conférence des Eglises Protestantes des Pays Latins en Europe“ (CEPPLE) zeigt. Durch die wachsende Gemeinschaft als Ergebnis der kirchlichen europäischen Versöhnungsarbeit wurden diese Regionen zu exemplarischen Orten der Begegnung, für verschiedene Formen von Partnerschaften und gegenseitiger Kommunikation. Die Entwicklungen werden in der französischen Religionssoziologie aber weitgehend ausgeblendet, weil theologische Arbeiten kaum von der Soziologie rezipiert werden oder sich weitgehend auf Feldstudien zu evangelikalen Kirchen beschränken.

2. Vier Orientierungen und elf Grenzgänge der GEKE

Ausgehend von dieser exemplarischen Erfahrung möchte ich der aktuellen Situation der GEKE in vier Hinsichten und 11 Grenzgängen nachgehen.

1. Verbindende und versöhnte Wirklichkeit einer Kirchengemeinschaft die im Gottesdienst und gemeinsamen Dienst gründet

2. Kritisch-heilsame Rekonstruktion der Vergangenheit – wo Umkehr und Versöhnung heute nötig sind

3. Engagierte Theologie: Barmherzigkeit für Fehlbarkeit – aber ohne damit die Radikalität des Evangeliums zu schwächen

4. Ein Horizont, der weiterreicht als menschliches Hoffen – die heilsame Wirklichkeit von Transzendenz und Glauben

2.1 Kirchengemeinschaft – theologische Verbundenheit als „versöhnte Verschiedenheit“ im Werden

Den evangelischen Kirchen in Europa gelang es mit der Leuenberger Konkordie (LK) von 1973, eine verbindende und verbindliche Kirchengemeinschaft vom Atlantik bis zum Ural zu erklären und zu vertiefen. Die theologische Erklärung konnte trotz ihrer Ambiguitäten zu einer vollen Kirchengemeinschaft führen. Die LK bewährte sich nicht nur als Gründungsdokument, sondern als Orientierung im Werden der Verwirklichung der Gemeinschaft zwischen den Kirchen und als Inspiration für verschiedene Kontexte, weitere Erklärungen und für die Kirchen, die sich auf dem Weg zu einer verbindenden Gemeinschaft befinden. Die grundlegende Verbindlichkeit, auf die die LK setzt, ist eigentlich performativ: Ihr zufolge gewähren sich die Kirchen gegenseitig Gemeinschaft, obwohl diese in ihrer jeweiligen kirchlichen Praxis noch nicht in klarer Sichtbarkeit erreicht ist. Die LK ist eine Hoffnungserklärung, die auf Zukunft setzt und eine Bewegung impliziert, die durch Grenzgänge und Grenzübertritte gekennzeichnet ist.

2.1.1 Erstens: Gottesdienst und Abendmahl – gelebte Versöhnung in Christus

Der theologische Grundkonsens der LK besteht zuerst in einem gottesdienstlichen Fundament – der Gemeinschaft in Wort und Sakrament und der Gemeinschaft in Zeugnis und Dienst durch die Anerkennung und Austauschbarkeit der Ämter. Die Idee, aus dem durch Gottes Geist begabten Gottesdienst eine europaweite gottesdienstliche Gemeinschaft entstehen zu lassen und erlebbar zu machen, beruhte im Kern auf der subversiven Entscheidung, angesichts einer kirchlichen Wirklichkeit, in der die Einzelkirchen tief in ihren eigenen historischen und nationalen Realitäten verankert und oftmals auch verfangen sind. Die Gottesdienstgemeinschaft der GEKE beruft sich auf ein für die von dem Konfessionalismus geprägten reformatorischen Kirchen subversives hermeneutisches Prinzip: „Die GEKE ist katholische Kirche“ (VV Basel 2018, Kirchengemeinschaft §94). Sie ist Kirche als Gemeinschaft von Kirchen in ihrer Verschiedenheit, die sich weiterhin durch unterschiedliche Bekenntnisse definieren. Das gilt auch für Kirchen, die sich in Folge der Kriege in unterschiedlichen Ländern befinden. Dieser Befund bestätigt die Erfahrung: Der Gottesdienst ist die göttliche Gabe, die nicht nur jede Gemeinschaft nährt, sondern die für den Weg der Verwirklichung der Kirchengemeinschaft notwendig und heilsam ist und dem theologischen Konsens praktische Sichtbarkeit zu verleihen vermag.

2.1.2 Zweitens: An und zwischen den Grenzen – Regionen als Schwellen und Verwirklichung der Versöhnung

Nachbarschaft ist keine Wahlverwandtschaft. Sie ist viel häufiger durch Rivalität oder sogar Feindschaft gekennzeichnet. Die GEKE hat den Weg für gelingende Nachbarschaft geebnet, indem die Deutungen der eigenen Vergangenheit einen Möglichkeitsraum gegenseitiger Unterstützung eröffnen. In meiner Region im Elsass habe ich das sehr konkret durch die Versöhnungsarbeit der Konferenz der Kirchen am Rhein (KKR) erlebt: Durch regionale Studien wurde das vertiefte Gespräch über schwierige Themen möglich; konkrete Schritte zur Bearbeitung europaweiter Probleme konnten unternommen werden (z.B. die Konsultation über Migration der KKR mit der GEKE 2004); heute sind die Kirchen in den Synoden der Nachbarkirchen vertreten und die Kirchen können ihre Ressourcen gemeinsam nutzen. Die Erfahrung zeigt, wie sehr die Gemeinschaft durch Partnerschaften über Grenzen hinweg und durch die Studienarbeit – etwa der Süd-Ost-Europa Gruppe – in und zwischen den Regionen gewachsen ist.

2.1.3 Drittens: Ermächtigung der Minderheiten – Zeichen des Evangeliums

Ein genuines und originelles Merkmal der GEKE ist die Art und Weise, wie sie den kleinen und Diasporakirchen in der LK selbst und anschliessend durch tatkräftige Unterstützung eine Stimme verleiht. Die Initiativen wurden massgeblich gefördert durch die Arbeit mit dem Gustav-Adolf-Werks und die grösseren und finanzkräftigen Kirchen. Umgekehrt haben aber gerade kleine Kirchen diakonische Pionierarbeit geleistet. Beispielhaft dafür steht das Engagement für Flüchtlinge und Asylsuchende der Chiesa Valdese und der methodistischen Kirchen in Italien. Ein weiteres Beispiel für die Aufmerksamkeit der GEKE für Minderheiten ist die Declaration of Amman von 2006. Im Blick auf die christlichen Kirchen im Hoheitsgebiet einer anderen Religionsgemeinschaft betont die GEkE ihre «prophetische Stimme» für Gerechtigkeit und Menschenrechte auch im interreligiösen Dialog.

2.1.4 Viertens: Die Leichtigkeit des gemeinsamen Seins – ohne Strukturen?

In der Geschichte der Kirchengemeinschaft stellte sich immer wieder die Frage der Verbindlichkeit der gemeinsamen Entscheidungen und in diesem Zusammenhang die Frage einer gemeinsamen Synode der GEKE. Regionale Synoden gibt es bereits in Italien zwischen den Waldensern, den Methodisten und den Baptisten. Ebenso besteht heute schon die Möglichkeit einzelner Kirchen, an den Synoden benachbarter Kirchen teilzunehmen. Allerdings hat die Vollversammlung in Belfast (2006) dem Projekt einer europäischen Synode der GEKE-Kirchen nicht zugestimmt. Das gilt auch für die Vollversammlungen in Florenz (2012) und Basel (2018), obwohl eine gegenseitige Rechenschaftspflicht (Mutual accountability) der Mitgliedskirchenausdrücklich betont wird. Zwar finden Visitationen und Treffen von kirchenleitenden Persönlichkeiten statt, aber sie haben nicht den Charakter einer Episkopè im Sinn eines einheitlichen Amts, das gemeinsam verantwortet wird. Das Verständnis von der Katholizität der Kirchengemeinschaft ist nicht stark ausgeprägt. Das zeigt sich etwa dem Bemühen der reformierten Kirchen, den Mangel an Pfarrpersonen mit Hilfe „neuer“ Mandate und Amtsrollen zu kompensieren, ohne dabei die Amtsverständnisse der GEKE-Kirchen zu berücksichtigen und die Kirchengemeinschaft in die Prozesse mit einzubeziehen – was u.a. Platz und Funktion des Theologiestudiums beeinträchtigt.

2.2 Erfahrung mit Geschichte: Identität zusammen interpretieren

2.2.1 Fünftens: Historisch-kritische Bewältigung der Vergangenheit

Die theologischen Klärungen und die daraus resultierende Versöhnung haben kaum Auswirkungen auf die sozio-politisch und historisch bedingten Konflikte und Differenzen zwischen den GEKE-Mitgliedskirchen. Insbesondere die Konstellationen von Theologie, Kirche, Volk, Rasse und Nation erschweren die Versöhnung der dadurch geprägten „Identitäten“ auch zwischen den Kirchen. Die realen Verhältnisse, geprägt von Martyrien und vielfältigen Erfahrungen von Verlust und Ungerechtigkeit, verlangen nach Metanoia, die bei den Ursachen von Feindbildern ansetzt. So widersetzten sich beispielsweise die französischen Reformierten lange den ökumenischen Versuchen, im Blick auf ihre eigene Verfolgungsgeschichte. Ein langer beschwerlicher Weg der Erinnerungsarbeit musste gegangen werden, bis die lutherischen und reformierten Kirchen in Frankreich eine Kirchenunion eingehen und sich bewusst als Mitgliedskirchen der GEKE verstehen konnten. Das Beispiel zeigt, dass die eigenen Erinnerungen und stolzen Identitätsnarrative kritisch mit der Frage konfrontiert werden müssen, wer, nach welchen Massstäben die Interpretationshoheit beansprucht. Manchmal stellt sich die Frage noch viel dramatischer: Wie können Hass, Rache und die Verbreitung diskriminierender und pejorativer Bilder der „Anderen“ überwunden werden?

Diese Erfahrungen sind in methodologische Prozesse der Versöhnung eingegangen, die von der GEKE initiiert wurden, um Verwerfungen zu überwinden oder Erinnerungen zu heilen. „Heilung von Erinnerungen“ hiess ein Projekt des Gustav-Adolph-Werks, das2003 in Rumänien von allen christlichen Kirchen vor Ort durchgeführt und dokumentiert wurde. Auch die Kirchen beiderseits des Rheins (KKR) erarbeiteten in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen 2013 eine gemeinsame und zweisprachige „Kirchengeschichte am Oberrhein“. Die methodische Aufarbeitung besteht aus fünf wesentlichen Schritten:

  1. Eine gemeinsame Anamnese der Geschichte, die die festgefahrenen Opfer- und Täter:innenrollen dekonstruiert und klärt;
  2. Suche nach gemeinsamen Formulierungen und Beschreibungen;
  3. Gegebenenfalls Schritte der Busse und Umkehr;
  4. Aufbau von lokalen Partnerschaften zwischen ethnischen und religiösen Gruppen;
  5. Vollzug symbolischer Handlungen als Zeichen der Versöhnung.

Die Suche nach Gerechtigkeit und die immer offene Möglichkeit zur Umkehr bilden das Zentrum dieser Methode.

2.2.2 Sechstens: Methode für soziopolitische Identitäts-, Kriegs- und Verfolgungskonflikte

Solche Prozesse wären auch in soziopolitischen Zusammenhängen hilfreich:

  1. kritische Erinnerung;
  2. Bitte um Vergebung;
  3. Suche nach Gerechtigkeit;
  4. gelebte Zeichen der Anerkennung der „anderen“;
  5. Bewusstseins für die Zerbrechlichkeit sozialer und historischer Identitäten.

2.3 Theologie der Barmherzigkeit für Fehlbarkeit – ohne die Radikalität des Evangeliums zu schwächen

Die heutigen Schwierigkeiten sind auch eine Anfrage an die europäische Theologie: Gewiss hat sie sich nach der Shoah selbstkritisch entwickelt, aber das Bewusstsein für Fehlbarkeit in Predigt, Katechese und Gemeindearbeit ist nach wie vor zu wenig ausgeprägt. Stattdessen wurde das Empowerment von Christinnen und Christen betont. Heute müsste die Theologie bewusst anders arbeiten

2.3.1 Siebtens: Theologische Bildung – menschliche Fehlbarkeit

Die biblische Hermeneutik steht aktuell vor unterschiedlichen Herausforderungen: wesentlich sind die Verständigung mit nicht historisch-kritisch arbeitenden Konzepten und die Orientierungslosigkeit angesichts des fehlenden Wissens über konfessionelle Eigenarten und Differenzen. Angesichts dieses Befundes muss der Leuenberger Text «Schrift – Bekenntnis – Kirche» von 2012 unter Umständen als überholt gelten. Umso wichtiger wäre ein gemeinsames Fundament für die biblische und theologische Orientierung.

Hilfreich wäre eine biblisch-theologische Erinnerung an die menschliche Fehlbarkeit, die eine vorschnelle Delegierung an die eigene Gewissensbindung kritisch hinterfragt. Die reformatorische Anthropologie beurteilte das menschliche Gewissen im Anschluss an Paulus kritisch. Die lutherische Tradition beurteilte mit Verweis auf Röm 7 das menschliche Gewissen als unzuverlässige Instanz. Das Gleiche gilt für die stets selbstbezüglichen Instanzen des Intellekts und der Vernunft. Deshalb kann die einzige verbindliche Autorität nur das Evangelium sein, in dem Christus die Menschen – und die Kirchen - mit ihrer Fehlbarkeit konfrontiert. Es kann nicht um die „richtige“ Deutung der Geschichte gehen, sondern um die Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit, die auch für eine unkritisch übernommene Interpretation der Vergangenheit gilt.

2.3.2 Achtens: Der unverkennbare Akzent des christlichen Glaubens – unverzichtbar in der heutigen Gesellschaft

Auch im Blick auf die Zukunft bekommt es die GEKE mit vielfältigen Formen von Ressentiments, Rache, Schuld oder Hass zu tun. Wie werden die Kirchen damit umgehen und daran arbeiten können? Was kann der christliche Glaube zum Dialog und zur sozio-politischen Versöhnungsarbeit beitragen? Das Genuine des christlichen Glaubens besteht in seiner Radikalität im Einsatz für die «nächste» Person, die ja gerade nicht die «nähere» Person ist. Was folgt aus dem „obersten“ Gebot, das neben der Liebe zu Gott die Liebe für die nächste Person fordert, für die aktuellen Konflikte, Kriege und ihre verheerenden? Die Radikalität des Lebens und der Worte Jesu von Nazareth geben die Richtung vor:Gegen eine Vergeltungsrhetorik fordert er die Überwindung der Vergeltungsregel: nicht „Auge um Auge“, sondern der entgegengesetzte Weg des Verzichts. Anstelle von Rachegefühlen die Vergeltung allein Gott zu überlassen; der Verzicht auf das Ziel menschlicher „Ehre“ und die Dekonstruktion von Überhöhungen des eigenen Staatsterritoriums als „gelobtes“ oder „heiliges“ Land. Stattdessen wird die radikale „Gnade“ zum zentralen Anliegen, das sich nicht auf das Glaubensleben beschränken darf.

2.4 Die heilsame Wirklichkeit von Hoffnung und Glauben

2.4.1 Neuntens: Theologische Klärungen – Widerstand gegen die Instrumentalisierung religiöser Rhetorik

Eine noch grössere theologische Herausforderung besteht aktuell in der politischen Adoption von pseudo-theologischen Argumenten, wie es Putins Kriegsrhetorik in extremer Weise vorführt. Die allgemeinen Medien können nicht zwischen einer Instrumentalisierung der Religion und dem Wort der christlichen Kirchen unterscheiden. Es wird zunehmend schwieriger, das Engagement der Kirchen für Recht, Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschlichkeit plausibel zu machen. Klärungsbedürftig sind aber auch die für das christliche Verständnis von Gericht, Rechtsautorität und Gerechtigkeit unverzichtbaren Begriffe von Sünde und – besonders für Reformierte und Methodisten – Heiligung. Dabei sind die Kirchen der GEKE wieder mit der Frage konfrontiert, was sie zusammen sagen und im Namen aller Kirchen betonen können? Wie können die GEKE-Mitgliedskirchen einen „gemeinsamen Bekenntnisweg“ gehen, wie es die LK formuliert? Eine deutliche Spannung besteht zwischen der Verbindlichkeit der Inhalte und der Bereitschaft zu einer kreativen Sprachfähigkeit.  Auch hier zeigt sich die Notwendigkeit des Dialogs zwischen der GEKE und der Römisch-katholischen Kirche, den anglikanischen Kirchen sowie hoffentlich bald wieder mit den orthodoxen Kirchen. Diese Dialoge beschränken sich nicht auf die Massgaben kirchlicher Einheitsmodelle, sondern betreffen alle grundlegenden Themen des menschlichen Zusammenlebens.

2.4.2 Zehntens: Mutige christologische Theologie

Die GEKE muss fähig werden, ihren Glauben auch in einem säkularen Umfeld nachvollziehbar zu vermitteln. Zentral dafür ist eine selbstbewussteChristologie, die Jesus nicht nur als ethischen Prototypen anerkennt, sondern dessen Selbsthingabe davon Zeugnis gibt, dass Gott für die Machtlosen Einspruch erhebt und in den angeblich Schwachen mächtig wirkt. Deshalb steht nicht die „Freiheit“, sondern die „Befreiung“ aus der Gefangenschaft des eigenen Egos und seiner Angst um sich selbst im Zentrum der evangelischen Theologie. Es geht um die Befreiung von der „Sünde“ als Abkehr von Gott in der Gefangenschaft des Egos und des Fatalismus. Im Gegensatz zur Selbstbehauptung der Freiheit zielt die Befreiung auf die Hingabe der eigenen Freiheit zum Dienst in Christus für die anderen. Hilfreich wäre ein GEKE-Grundkurs über christologische Grundkonzepte der Reformation.

2.4.3 Elftens: Die heilsame Wirklichkeit von Transzendenz und Hoffnung

Die Gegenwart ist geprägt durch eine Rückkehr von Spiritualität und „Sakralität“ (Spiritismus, alte Rituale, Schamanismus, Esoterik). Deutlich zeigt sich hier die Konfrontation mit den menschlichen Grenzen und menschlicher Endlichkeit. Diese Konfrontationen schliessen an dem Konzept der Sinnsuche an. Säkularisierte Gesellschaften verfügen über keine Transzendenzbezüge und -horizonte, sodass die menschliche Endlichkeit mit sakraler Unendlichkeit und Grösse überfrachtet werden muss. Eine notwendig ökumenische Theologie sollte sich diese komplexe Wirklichkeit aufmerksam zur Kenntnis nehmen, und mit ihrer eigenen Praxis zur Akzeptanz menschlicher Grenzerfahrungen beitragen und Räume für die Suche nach Gott und für die christliche Hoffnung öffnen.

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Elisabeth Gangloff-Parmentier

Elisabeth Gangloff-Parmentier

Prof. Dr. theol.

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