Die dreifache Krise der Gegenwart und drei alte Tugenden

Herzlich willkommen zum Ende der Geschichte!

Zumindest, wenn wir Francis Fukuyama und seinem erfolgreichen Buch "Das Ende der Geschichte" (1992) folgen. Laut Fukuyama beobachtet die Menschheit nach Ende des Kalten Krieges „nicht nur … wie eine bestimmte Periode der Nachkriegsgeschichte vergeht, sondern das Ende der Geschichte selbst: das heißt den Endpunkt der ideellen Entwicklung der Menschheit und die Universalisierung der liberalen westlichen Demokratie als das finale Stadium menschlicher Regierungsformen“ (Fukuyama 2020: 2) Nach Jahrtausenden konkurrierender Möglichkeiten zur Bildung und Regierung von grösseren menschlichen Gemeinschaften wurde nun die Gewinnerin gekürt: die säkulare, westliche, liberale Demokratie mit ihrer freien Marktwirtschaft.

Oder etwa nicht? Wie sieht unsere Welt heute, einige Jahrzehnte nach Fukuyamas Diagnose aus und welchen Herausforderungen stehen wir gegenüber? Und wie steht es um die von Fukuyama genannten Eckpfeiler unserer Gesellschaft: säkular, freie Marktwirtschaft, westlich, liberale Demokratie?

Wie steht es...

Wie säkular ist unsere Welt? Seit Jahren kennen die Kirchenmitgliedschaftsstatistiken in der Schweiz und in vielen Teilen Westeuropas nur eine Richtung: steil nach unten. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Sobald wir unseren Blick über Westeuropa hinaus weiten, sehen wir ein völlig anderes Bild. Wie eine aktuelle Studie aufweist, gehören 85% der Weltbevölkerung einer Religion an (World Population Review 2022). Und fast alle großen Glaubenstraditionen werden im 21. Jahrhundert weiter wachsen. Der Rückgang der institutionalisierten Kirchen, den wir in vielen Teilen Westeuropas erleben, ist global betrachtet die Ausnahme, nicht die Regel. Ist unsere Welt also säkular? Definitiv nicht.

Wie steht es um die freie Marktwirtschaft? Es ist noch nicht lange her, dass eine der grossen globalen Banken zusammengebrochen ist. Und zwar nicht irgendwo im fernen Amerika, sondern hier in der Schweiz: die Credit Suisse. Während die Credit Suisse in den letzten zehn Jahren einen Verlust von drei Milliarden Franken verzeichnet hat, hat sie 32 Milliarden Franken an Vergütungen an Top-Manager ausgezahlt (Hüsser 2023). Und wir erinnern uns noch zu gut an die katastrophalen Folgen der globalen Bankenkrise von 2008, die mit dem Zusammenbruch der Lehman Brothers begann. Immer wieder sind hemmungslose Gier, Rücksichtslosigkeit und Exzess zu den dominierenden Merkmalen der Marktwirtschaft geworden und führen damit deren Reformbedürftigkeit drastisch vor Augen.  

Wie sieht es mit dem westlichen Lifestyle als vorherrschendem globalen Paradigma aus? Nahezu überall auf der Welt können wir unsere Lieblingsfolge von "Friends" anschauen und dabei unseren Starbucks Caramel Latte auf unserem Grönlind IKEA Sofa geniessen. Die Menschenrechte sind zur globalen moralischen Sprache geworden. Und während der Warschauer Pakt nach dem Ende des Kalten Krieges aufgelöst wurde, besteht die NATO weiterhin und wird sogar erweitert. Doch hat Russlands völkerrechtswidrige Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 die Illusion von einem globalen westlichen Dorf radikal zerstört. Aber schon bevor Russlands offene Machtdemonstration seine imperialistischen Ambitionen untermauerte, hat Chinas Seidenstrasseninitiative seit 2013 den wirtschaftlichen und politischen Einfluss Chinas ausgeweitet und seine globalen Machtansprüche unterstrichen (McBride et al. 2023). Mit diesen aufstrebenden globalen Akteuren steht der westliche Lebensstil, einschließlich seiner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen, vor ernsthafter Konkurrenz. Zugleich sind die sogenannten BRICS-Länder in dem, was sie ablehnen, weitaus homogener als in den von ihnen selbst vertretenen Lebensweisen, Werten oder Regierungsformen.

Und wie steht es um unsere liberalen Demokratien, die Fukuyama als das „finale Stadium menschlicher Regierungsformen“ beschreibt? Und was ist mit unseren multilateralen Institutionen und der Art und Weise, unsere Gesellschaften und Organisationen miteinander zu verknüpfen, in der UN, in der EU? Der feste Glaube an das Motto "je mehr, desto besser" erhielt eine kalte Dusche, als Grossbritannien im Juni 2016 für den Brexit stimmte. Nicht nur schätzen die Menschen lokale Gemeinschaften offenbar viel mehr, als viele von uns dachten, sondern der Aufstieg des Nationalismus in vielen Ländern zeigt deutlich, dass Liberalismus, Multilateralismus und Multikulturalismus offenbar ihre Grenzen haben. Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie Fratelli d’Italia in Italien, der AfD in Deutschland oder der PVV in den Niederlanden nährt sich aus einer explosiven Mischung aus nationalistischen Idealen, sozialer Unzufriedenheit und Enttäuschung mit dem Liberalismus (Deneen 2018: 3).

Krisenwahrnehmung

Die Ergebnisse dieser Entwicklungen auf den unterschiedlichen Ebenen verdichten sich zu einer dreifachen Krise der Gegenwart (cf. Tomlin 2023):

1. Eine Krise des Vertrauens: Wir erleben derzeit in Europa und darüber hinaus einen Vertrauens- und Solidaritätsverlust auf vielen verschiedenen Ebenen. Die Finanzkrise von 2010 und der kürzliche Zusammenbruch der Credit Suisse haben uns gelehrt, dass Banker nicht vertrauenswürdig sind. Das sogenannte Qatargate enthüllte Korruption im Herzen der EU. Und die Kirche scheint auch nicht besser zu sein, mit zahlreichen Skandalen, die auch das verbliebene Restvertrauen noch untergraben.

2. Eine Krise der Sicherheit: Schon seit einiger Zeit befinden wir uns im ständigen Krisenmodus. Eine Krise scheint auf die andere zu folgen: die Angriffe auf das World Trade Center, der Zusammenbruch der Lehman Brothers und die Bankenkrise, die COVID-19 Pandemie, Russlands Angriffskrieg in der Ukraine, die Klimakrise, um nur einige davon zu nennen.

3. Eine Krise der Vision: Wir leben in einer Zeit, in der es nur wenige gemeinsame und tragfähige Visionen für die Zukunft gibt. Es fehlen grosse Ideen und ein neues „social imaginary“, wie es Charles Taylor nennt.

Es scheint, dass genau diese dreifache Krise des Vertrauens, der Sicherheit und der Vision zu der toxischen Mischung aus Hass, Vorurteilen und Misstrauen beiträgt, die wir in vielen aktuellen Kontexten antreffen.

Um dieser dreifachen Krise zu begegnen, gilt es, auf die Ressourcen zurückzugreifen, die uns die ganze Zeit bereits zur Verfügung standen, nämlich die Ressourcen des christlichen Glaubens. Denn liberale Gesellschaften beruhen auf Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen können (Böckenförde). In der dreifachen Krise des Vertrauens, der Sicherheit und der Vision begegnen wir einer Krise der Liebe, der Hoffnung und des Glaubens. Diese drei christlichen Kardinaltugenden haben eine lange Geschichte im christlichen Denken. Im Laufe der Jahrhunderte waren diese alten Tugenden Quellen der Weisheit, Unterstützung und Orientierung und sie haben noch immer das Potenzial, dies auch heute zu sein.


Christine Schliesser ist Studienleiterin am ökumenischen Zentrum für Glaube und Gesellschaft der Universität Fribourg und Privatdozentin für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Zürich.

Sie wird im Rahmen der Tagung Suchet der Stadt Bestes (3.-5. November 2023, Bern) sprechen. Der Titel ihres Vortrags lautet "Welche verbindenden ethischen Potentiale stecken im Verständnis der reformatorischen Kirchen?" Ein Vorschlag im Rahmen des Jubiläums der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie (1973).


Literaturangaben

Deneen, Patrick J. (2018). Why Liberalism Failed. New Haven: Yale University Press.

Fukuyama, Francis. (1992). The End of History and the Last Man. New York: Free Press. Deutsche Übersetzung: https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwiN-OO5lt-BAxXe3QIHHT9EAo4QFnoECBUQAQ&url=https%3A%2F%2Fharp.tf%2Fwp-content%2Fuploads%2F2020%2F12%2FBroschuere-final_pdf.pdf&usg=AOvVaw1LIwPfY9kkfpGY40xF7Sy1&opi=89978449

Hüsser, Noemi. (2023). Wie können Boni zurückgeholt werden? SRF Schweizer Radio und Fernsehen. 30 March 2023. https://www.srf.ch/news/wirtschaft/uebernahme-der-cs-durch-die-ubs-wie-koennen-boni-zurueckgeholt-werden.

McBride, James, Noah Berman and Andrew Chatzky. (2023). China’s massive belt and road initiative. Council on Foreign Relations. 2 February 2023. https://www.cfr.org/backgrounder/chinas-massive-belt-and-road-initiative.

Tomlin, Graham. (2023). Reviving post-liberal society. https://www.seenandunseen.com/reviving-post-liberal-society.

World Population Review. (2022). Religion by Country 2022. https://worldpopulationreview.com/country-rankings/religion-by-country.

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Christine Schliesser

PD Dr. theol.

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