Protestantisch von «Gott» reden

Wie kann man unter Protestant:innen über Gott sprechen? Mit dieser Frage wurde ich im Rahmen einer Arbeitsgruppe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa konfrontiert, die sich mit dem Thema «Die christliche Rede von Gott» (Christian speaking of God) befasste.

Die Ergebnisse unserer Arbeit müssen noch in die Generalversammlung aufgenommen werden, aber sie geben mir die Gelegenheit, – zumindest für mich – erneut zu präzisieren, was es mit dieser Rede auf sich hat und wie der Protestantismus deren Konturen reflektieren kann.

Die Vorbedingung

«Gott» ist kein neutrales Wort. Es bezeichnet keine allgemeine Realität. Es ist auch kein Wort, auf das der Protestantismus – oder das Christentum im Allgemeinen – ein Monopol hätte. Wenn Protestant:innen von «Gott» sprechen wollen, sind sie daher von vornherein mit Redeweisen konfrontiert, die sich ihnen entziehen. Das beginnt bei ihrer eigenen Verwendung des Wortes.

Innerhalb des Spektrums des Christentums betont der Protestantismus bestimmte Aspekte stärker als andere: die Zentralität des Glaubensmoments bei der Qualifizierung der Beziehung zu Gott, der Vorrang des Handelns Gottes vor dem Handeln der Gläubigen, das Privileg, das der Heiligen Schrift als Medium für die Artikulation der Rede von «Gott» eingeräumt wird, usw.

Ein wichtiger Aspekt dieser Tradition ist die Art und Weise, wie sie den Raum für den Streit über «Gott» abgesteckt hat: Es gibt (i) das, was die Kirche als organisierte und sichtbare Form der Gemeinschaft der Gläubigen über «Gott» sagt (z. B. in Form von Texten wie dem Apostolikum, Dogmen, Glaubensbekenntnissen usw. Heute spielt sich dies auch auf der Ebene der öffentlichen und medialen Kommunikation ab); (ii) was die Theologie – als reflexive Instanz der Kirche – über «Gott» sagt; (iii) was die Person und die örtliche Gemeinde aus ihrer eigenen Glaubensperspektive (man könnte auch sagen: aus ihrer gläubigen Erfahrung) über «Gott» sagt. Ich übernehme diese Unterscheidung von Frank Mathwig (Spiegelgötter, § 2). Was die Kirche, die Theologie und die Person über «Gott» sagen, kann sich überschneiden, muss es aber nicht zwangsläufig. Mit anderen Worten: Diese verschiedenen Äusserungsinstanzen müssen miteinander uneins sein und bleiben können, was die Art und Weise betrifft, in der sie meinen, über «Gott» sprechen zu müssen, und gleichzeitig weiterhin legitim am protestantischen Diskurs über «Gott» teilnehmen können.

Vorrang der Performance

Aus protestantischer Sicht ist jede Kommunikation über «Gott» zunächst eine Anrede an Gott: ein Gebet. Dieses Gebet kann eine unartikulierte Form annehmen: die des Schreis. Der Schrei, in dem sowohl Gott als auch die menschliche Person entstehen. «Der Beginn der neuen Menschheit ist nicht Gott, sondern der Schrei nach Gott» (Gérard Siegwalt, La réinvention du nom de Dieu, S. 18 – in Bezug auf Genesis 4,26). «Gott» wird gestammelt, geflüstert, ausgerufen – «Mein Gott!», wie Jean-Luc Nancy meditiert. In diesem Gebet ohne Worte – abgesehen von Dem Wort – beginnt auch der Gottesdienst, d.h. der Kampf um die Erscheinung dessen, was dieses Wort bezeichnet. Dies ist die erste Theo-logie: theologia prima. Die eigentliche Frage ist, ob die Person, die eine Theo-Logie riskiert, in dieser ersten Aus- und Anrufung verharrt oder nicht. Dieses Risiko ist umso grösser, als dass sie selbst (als Person) und Gott (in Person?) auf dem Spiel stehen, dass die Existenz beider – sozusagen – geprüft wird. «Gott beweist sich, indem er sich erprobt» (Siegwalt, S. 151).

Für den Protestantismus – und das Christentum im Allgemeinen (und damit steht es nicht allein) – hat sich dieses Beharren in Vertrauen verwandelt. Der Schrei wird beantwortet, und zwar in Form einer Verheissung: «Jesus Christus» (Philipper 2,9), die konsequente Fortsetzung von Gottes Verpflichtung gegenüber Israel. «Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein» (Levitikus 26,12). Die Wandlung des Urschreis in einen vertrauensvollen Schrei kommt daher, dass auf die eine oder andere Weise «Jesus Christus» gesagt und gehört wurde (Römer 10,17).

Die trinitarische Doxologie ist der ständig erneuerte Versuch, diese Verheissung offen zu halten und in dem ihr entsprechenden Vertrauen zu verharren. «Wem oder an wen im christlichen Glauben geglaubt wird, ist die Voraussetzung für die Bestimmung dessen, was im christlichen Glauben geglaubt wird. […] Die Aussage der Identität Gottes ist darum nicht ablösbar von der Beziehung, die Gott dadurch schafft, dass er seine Identität zusagt und so den Glaubenden ermöglicht, ihn in seiner Identität zu bekennen und anzureden.» Gott, der auf «Gott» antwortet, ist nicht einsam, nicht ohne uns, nicht ohne andere, auch wenn er sich deshalb nicht mit uns identifizieren lässt. Der Unterschied bleibt bestehen. Aber dieser Satz gehört zu einer zweiten Stufe, einer Reflexion, die versucht, unter einer semantischen Ordnung zu erfassen, was zunächst eine hoffende Anrede ist: «Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!» (2. Korinther 13,13). 

Kritische Reflexivität

Das Vertrauen, das aus dem Hören der Verheissung hervorgeht, ist eine Befreiung, die immer droht, zu ihrer Umkehrung zu werden: Erstickung des Schreis und des freien Gebets. Es gibt eine Theo-Logie zweiter Ordnung, die versucht, das, was in «Gott» gesagt wurde, im Voraus zu erfassen, ihm einen Platz und eine Ordnung zuzuweisen, seine erschütternde Wirkung zu verringern, (wenn möglich) bis hin zu seiner vollständigen Erstarrung. «Theologie als Ideologie, d.h. eine totalitäre Konstruktion dessen, was als 'Die Eine und Einzige Theologie' angesehen wird, die keine Diskussion oder Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven zulässt». Ein Konstrukt, in dem «Gott» zum Folterinstrument werden kann: ein Name für die Zerstörung von Körper und Geist.

Jede Theo-Logie ist prekär. Eine Theo-Logie, die sich gegen jede Infragestellung immunisiert, hat Gott von vornherein zum Schweigen gebracht und macht Gebet wie auch Gottesdienst unmöglich. Die protestantische Tradition kommt von dort, hat gegen diese Immunisierung gekämpft und sich an ihr beteiligt. Protestantisch über «Gott» zu sprechen bedeutet, die Infragestellung nicht nur in der Theorie zu verankern – was Sätze wie «Gott ist jenseits von 'Gott'» oder Karl Barths berühmte Formel der unmöglich-notwendigen Rede von Gott auf ihre Weise veranschaulichen –, sondern in der Praxis: in der Zustimmung zur Ent-Machtung und Destabilisierung des Diskurses, im Umgang mit Fremdsprachen und der Arbeit mit ihnen, im Zuhören von nicht autorisierten, marginalen, minoritären Perspektiven usw. «'Gott' ist jenseits von Gott». Die Rede, die von diesem Ort ausgehen könnte, ist weder vorhersehbar noch befriedigend: Sie ist es nie gewesen. Aber sie lebt von der Hoffnung, die aus der Verheissung geboren wurde.

Die Schrift bleibt hier die kritische Norm für die Kirche – nicht als Aufbewahrungsort der Worte Gottes, sondern als konfliktgeladener Raum der Auslegung des Evangeliums von «Jesus Christus». «Ihre Funktion als norma normans übt sie dadurch aus, dass sie nicht ein bestimmtes Glaubens- und Evangeliumsverständnis normativ festsetzt, sondern den Spielraum präsentiert, in dem es zu dem freien, eigenen Verstehen kommen kann, das allein dem Glauben angemessen ist und das Glaubende wie den Glauben selbst als Wirken des heiligen Geistes bekennen.»

Gott im Kampf

Der Gott, von dem im christlichen Glauben die Rede ist, hält den Konflikt über sich selbst aus. Er erzeugt sogar den Konflikt über sich selbst (Matthäus 10,34-36). Er nennt sich Gott des Friedens, jedochnicht auf Kosten des Konflikts über sein Verständnis oder seine angemessene Verehrung. Protestanten und Protestantinnen können nur von Gott sprechen, wenn sie damit rechnen, dass Gott selbst das Wort ergreift und mit ihnen und gegen sie um das Gebet ringt, in dem sie einander begegnen.

Lass mich gehen, denn hier kommt die Morgenröte!

              Ich lasse dich nicht gehen, wenn du mich nicht segnest!

Wie ist dein Name?

              Jakob.

Man wird dich nicht mehr Jakob nennen, sondern Israel [...].

              So sage mir nun, wie du heisst.

Warum fragst du mich nach meinem Namen?

              An derselben Stelle segnete er Jakob. (Genesis 32,27-30).


Text im Original mit Fussnoten und Quellenangaben:

Facebook
WhatsApp
Twitter
Email
Elio Jaillet

Elio Jaillet

Docteur en théologie

Chargé des questions théologiques et éthiques

Alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.Lorem ipsum dolor sit amet consectetur adipiscing elit dolor